Burundi: "Erstaunt, wie sehr das Sterben zum Alltag gehört"

21. Oktober 2004, 19:30
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Seit zehn Jahren tobt ein Bürgerkrieg - Vereinte Nationen fürchten Flächenbrand in ganz Zentralafrika

Bujumbura/Wien - "Die Menschen, die in Afrika ins Spital kommen, haben wirklich etwas", sagt Herbert Matzinger. Er muss es wissen. Der 53-Jährige Wiener war als Chirurg zweimal für die "Ärzte ohne Grenzen" in Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste), jeweils einmal in Kamerun und in Burundi im Einsatz. "Die Krankheitsbilder in Afrika sind ganz andere als bei uns. Die Leute kommen dort viel zu spät ins Krankenhaus. Teils weil die Anreisewege zu den kostenlosen Zentren der ,Ärzte ohne Grenzen' so beschwerlich sind, teils weil sie sich die kostenpflichtigen staatlichen Kliniken nicht leisten können."

Amputationen

Matzinger hat in seinen sechs Wochen in Nordburundi Schussverletzte auf den OP-Tisch bekommen und auch Knochenmarksentzündungen, die in Europa kaum vorkommen. "Es ist schon sehr befremdlich, wenn man einem zweijährigen Kind deswegen den Oberschenkel amputieren muss", sagt der Chirurg. Die betroffenen Kinder seien der stärkste Eindruck gewesen, den er aus Burundi mitgenommen hat. "Es hat mich erstaunt, wie sehr es dort zum Alltag gehört, dass Menschen sterben. Und mit welcher Langmut das auch hingenommen wird."

Viel mehr als Langmut zu zeigen, bleibt den Menschen in Burundi in der Tat nicht übrig. Seite 1993 befindet sich das Land in einem Bürgerkrieg. Mehr als 200.000 Menschen sind bisher darin umgekommen, im Land leben etwa 400.000 Binnenflüchtlingen, in den Nachbarstaaten noch einmal an die 600.000 Vertriebene. Nach dem Arusha-Friedensprozess sollte bis zum 1. November 2004 eigentlich erstmals seit 1993 wieder allgemeine und freie Wahlen geben. Bisher ist nichts dergleichen passiert.

Tutsis gegen Hutus

Der Konflikt zwischen der Mehrheitsbevölkerung der Hutus und den Tutsis besteht nach wie vor. Die zwei Hutu-Rebellengruppen FDD (Forces pour la Défense de la Démocratie) und FNL (Forces Nationales pour la Libération) haben sich gespalten, einer der Flügel lehnt einen Waffenstillstand ab.

Außerdem scheren sich Kräfte aus dem benachbarten Ruanda und dem Kongo kaum um Landesgrenzen in der Region an den Großen Seen - erst im Sommer gab es ein Massaker in einem UN-geführten Flüchtlingslager in Gatumba in Burundi. Mindestens 160 Tutsis aus dem Kongo starben dabei, FNL-Rebellen und kongolesische Extremisten sollen es gemeinsam verübt haben.

Seither zeigen sich die Vereinten Nationen besorgt über das Risiko eines neuen Krieges zwischen den Völkern der Hutu und Tutsi in Zentralafrika. Es gebe die "reale Gefahr", dass Vergeltungsakte eine Spirale der Gewalt auslösen könnten, erklärte etwa der stellvertretende UNO-Generalsekretär Jean-Marie Guehenno in New York.

Die Vereinten Nationen riefen die Regierungen in Burundi, Kongo und Ruanda auf, gegen extremistische Gruppen vorzugehen und sich um äußerste Zurückhaltung zu bemühen. Kurz nach dem Massaker hatte die burundische Armee eine Offensive gegen den Kongo "nicht ausgeschlossen". (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2004)

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    16. August 2004: In einem Massengrab in Gatumba werden 160 Tutsi-Flüchtlinge beigesetzt.

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