Gewaltige Elementarkraft

21. Oktober 2004, 19:01
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Musikkritiker Joachim Kaiser über den Pianisten Edwin Fischer: bei Schubert Fülle und Zartheit, bei Beethoven innige Humanität

Die jetzt im Handel erhältliche "Süddeutsche"-CD-Box "Klavier Kaiser" wirft einen Blick auf große Pianisten des 20. Jahrhunderts. Der Musikkritiker Joachim Kaiser stellt im Standard jeden Freitag einen bedeutenden Virtuosen vor. Heute: Edwin Fischer.

Wenn es Zufall war, dann doch ein sehr symbolischer: Drei hochberühmte Beethoven-Interpreten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts glichen alle dem Komponisten physiognomisch!

Das galt für Elly Ney, für Wilhelm Backhaus - und am meisten für Edwin Fischer. Weil Edwin Fischer seit 1955 krankheitshalber kaum mehr öffentlich auftrat (und 1960 starb), wissen viele Nachgeborene überhaupt nicht, welche einzigartige Rolle dieser Künstler zwischen 1930 und 1950 in der europäischen Musikwelt gespielt hat: als Interpret, als Lehrer und Kammermusiker, als Furtwänglers Lieblingssolist.

Alfred Brendel würdigte in seinem Nachruf eindringlich Fischers "Elementarkraft". Und fuhr dann fort: "Wildheit und Zartheit wohnten in seinem Klavierspiel nahe beieinander, und dämonischen Ausbrüchen folgte, wie durch Zaubermacht, innerer Friede. Es machte ihm ebenso wenig Mühe, außer sich wie in sich zu geraten . . . Seine langsamen Sätze waren erfüllt von einer natürlichen Demut . . . Nervöse Angst und physische Leiden haben manchmal sein Klavierspiel beschattet. Doch als Meister in der Vermeidung falscher Gefühlstöne hatte er kaum seinesgleichen."

Nun wurde seinerzeit gewiss manchmal über Fischers (gar nicht so häufige) falsche Töne gespöttelt. Als ein ehrfurchtsvoller Londoner Kollege sich über des Meisters schweres Gepäck wunderte, sagte Fischer lachend: "Ja, da sind wohl alle meine falschen Noten drin . . ."

Doch wie wunderbar gelangen ihm die "richtigen"! Bereits 1931 spielte Fischer in Berlin Bachs "Chromatische Fantasie und Fuge" memorabel ein. Improvisatorisch frei und toccatahaft vital rollen unter Fischers Händen die Passagen des Fantasie-Beginns. Nach 70 Sekunden verdunkelt sich plötzlich und geheimnisvoll die Klangaura.

Darauf folgt Bachs viel berätselte Arpeggiostelle - Fischer spielt die tiefgründigen Akkorde zunächst aus und bricht sie sodann arpeggienhaft. Wir erleben einen ungeheuerlichen Choral. Darauf das wortlose Rezitativ. Fischer gestaltet es, als spräche der Thomas-Kantor mit seinem Gott.

Mozarts Fantasie in c-Moll - deren Thema sich auf Bachs "Musikalisches Opfer", deren Ausdrucksenergie sich auf Beethoven zu beziehen scheint - zwingt alle Interpreten dazu, eine umso authentischere Mozart-Aura zu schaffen. Für Edwin Fischer kein Problem.

Donnernde Antwort

Die Aufnahme des beethovenschen Es-Dur-Klavierkonzertes Opus 73, die Edwin Fischer 1951 zusammen mit Wilhelm Furtwängler und dem Philharmonia Orchestra einspielt hat, genießt seither unangefochtenen Kultstatus. Furtwängler steigert den Orchesterpart zur gewaltigen Symphonie. Edwin Fischer gelingt es, des Orchesters überlebensgroße Gesten einerseits als Solist innig zu humanisieren, sie aber andererseits gegebenenfalls auch dramatisch-donnernd konzertant zu beantworten.

Was Franz Schuberts wohl bekannte Impromptus an Fülle, Zartheit, wechselvollem Melos und leuchtender Brillanz enthalten, das rettete Edwin Fischer in seiner wunderbar lauteren Einspielung von 1936 vor aller Abnutzung, Trivialisierung, oder sentimentalischen Übernuancierung. So entwickelt er aus dem staccato-trocken beginnenden ersten Impromptu (Opus 90 Nr. 1) eine schmerzlich tragödiennahe Legende. Aus dem witzigen 8. Impromptu (Opus 142 Nr. 4) wird dafür ein himmlischer, entfesselter Reißer. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2004)

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