Spurensuche

22. Oktober 2004, 17:48
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Porträt eines der großen linken Politiker des 20. Jahrhunderts: "Salvador Allende" von Patricio Guzman

Eine zerbrochene Brille im Museum: Das ist von Salvador Allende geblieben, einem der großen linken Politiker des 20. Jahrhunderts. Seine Regierung der Unidad Popular in Chile wurde 1973 mit Unterstützung der USA gestürzt.

In den langen Jahren der Pinochet-Diktatur musste Patricio Guzman ins Exil. Seinen Film La Batalla de Chile, eine epische Schilderung des Aufbruchs und der Reaktion, konnte er retten. Im Porträtfilm Salvador Allende zeichnet er nun die Lebensgeschichte des politischen Idols auch der europäischen Linken nach – es ist zugleich eine implizite Autobiografie, denn Guzman ist wie viele andere Engagierte seiner Generation geprägt von den Jahren bis 1973.

Die Spurensuche legt sehr private Dinge frei, zum Beispiel ein Fotoalbum aus Allendes Kindheit, widmet sich aber auch den näheren Umständen des Umsturzes. Chile galt den USA, wie so viele andere Länder im Kalten Krieg, als Frontstaat gegen den Kommunismus. 1970 gewann Allende die Präsidentenwahlen, allerdings ohne eine absolute Mehrheit. Der amerikanische Präsident Nixon gab der CIA zu verstehen, dass Allende das Amt nicht antreten sollte.

Aber die ersten Interventionen waren ungeschickt, und Allende wurde vom Parlament vereidigt. In den Interviews aus dieser Zeit sieht man einen väterlichen Charismatiker, der sich als "militanten Sozialisten" bezeichnet und sich sicher ist, dass ihm das chilenische Volk bei den Reformen "folgen" wird.

"Bis heute bin ich von dieser historischen Beschleunigung bewegt", sagt Guzman im Rückblick. Zum ersten Jahrestag der Regierung Allende besuchte Fidel Castro das Land, das darüber in einen erbitterten Streit geriet.

Guzmans Salvador Allende ist der Gegenfilm zur Geschichte einer Plünderung, die Fernando Solanas aus Argentinien erzählt: Dort ist Carlos Menem der Schurke, hier ist Allende der Held. Die beiden Länder sind Modellfälle einer Ermächtigung des Volks, die gegen die "Herrschaft des Gelds" (Guzman) nach anderen Regierungsformen sucht. In den 90-Jahren war Lateinamerika beinahe von der politischen Landkarte verschwunden – nun kehrt dieser Kontinent zurück.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

23.10., 15.30
Gartenbau

24.10., 24.00
Urania

  • Artikelbild
    foto: viennale
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