Ausweg im Ungewissen

22. Oktober 2004, 17:50
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Der französische Filmemacher Arnaud Desplechin erforscht in "Rois et Reine" zwei Lebenskrisen

Den Windungen des Daseins zu folgen, ohne sie allzu berechenbar erscheinen zu lassen; das Spannungsfeld von Beziehungen auszubreiten, ohne dass die Verhältnisse allzu statisch wirken: Das sind schon prinzipiell keine leichten Aufgaben für einen Filmemacher. Arnaud Desplechins neuer Film Rois et Reine erhöht den Einsatz noch, indem er gleich zwei Figuren folgt, die längste Zeit auf getrennten Wegen, um sie dann punktuell zusammenzuführen, aber ohne ihre Geschichten ineinander aufgehen zu lassen.

Nora (Emanuelle Devos) und Ismael (Mathieu Amalric) waren einst ein Ehepaar, jetzt lebt jeder von ihnen in seiner eigenen Welt – man könnte auch sagen, in seinem eigenen Genre. Was sie eint, ist, dass sie gerade vor existenziellen Belastungsproben stehen: Während Nora in Grenoble mit der Krebserkrankung ihres Vaters Louis (Maurice Garrel) konfrontiert wird, klopfen bei Isma¨el zwei Krankenpfleger an die Tür, mit der Absicht, ihn in eine psychiatrische Klinik einzuweisen.

Aus dieser Ausgangssituation entwickelt Desplechin zwei konträre Erkundungen von Lebenskrisen: die eine in düsterem Tonfall, bestimmt von einem angekündigten Tod, der die Verrichtung letzter Dinge notwendig macht und damit auch verschüttete Konflikte neu heraufbeschwört; die andere als turbulente Groteske, in der gerade das Irrenhaus zu einem Raum unmöglicher Begegnungen wird, bei denen jede Schramme als kleiner Orden zählt.

Aber auch das trifft es nur halbwegs: Denn Rois et Reine ist ein Film, der seine vielen Ideen wie Ausbruchsszenarien umsetzt. Nicht nur hält die Kamera von Eric Gautier kaum still und umkreist die Charaktere, als könnte sie derart alle ihre Gesichter einfangen; Desplechin wechselt auch unaufhörlich die Erzählmodi: Tote treten im Falle Noras wieder auf und halten gar in einer kleinen, dunklen Kammer Gericht über sie; umgekehrt wird Ismael in einer wunderbaren Szene zum entfesselten Breakdancer oder später zum Zeugen eines Überfalls.

Desplechin – von dem übrigens mit Leo – en jouant "Dans la Compagnie des Hommes" noch ein weiterer Film auf der Viennale läuft – nimmt durchaus in Kauf, dass sich all diese Teile zu keinem organischen Ganzen zusammenfügen. Darum soll es auch gar nicht gehen. Sonst wären Nora und Ismael wohl auch noch ein Paar. Rois et Reine erzählt, wie das Erwartbare nicht eintritt, warum der Ausweg im Ungewissen liegt – mit einer Überfülle an rhetorischen Mitteln des Kinos.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.10.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

24. 10., 21.00
Urania

25. 10., 15.30
Gartenbau
  • Artikelbild
    foto: viennale
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