Die Liebe schmerzt

22. Oktober 2004, 17:49
2 Postings

Die Dokumentation "Fallen Angel: Gram Parsons" widmet sich einer weniger bekannten Figur der Pop-Historie

Sie zeichnet das kurze Leben des Erfinders des Countryrock nach: Gram Parsons.


Gandulf Hennins Dokumentation Fallen Angel: Gram Parsons ist formal wenig aufregend. Der Deutsche zeichnet Parsons Weg brav chronologisch nach: Von seiner Geburt in Florida bis zu seinem frühen Tod und den abwegigen Geschehnissen die darüber hinaus stattfanden. Also erzählen zuerst Mitschüler, Freunde und Verwandte ihren Teil der Geschichte.

Später, als die Karriere dieses weniger bekannten Rock'n'Roll-Toten begann, kommen Bandmitglieder und Weggefährten zu Wort. Etwa Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards mit einem zentralen Statement: "Wenn Gram sang, hat selbst die älteste, abgezockteste Kellnerin, die schon seit Jahrzehnten hinter der Bar stand, einfach losgeheult."

Wer die individuelle Weltuntergangshymne Love Hurts in ihrer einzig gültigen Version, nämlich der von Emmylou Harris und eben Gram Parsons kennt, weiß warum: "Selbst wenn er falsch sang, konnte es einem das Herz zerreißen", erzählt Chris Hillman von den Byrds.

In der Tat besaß Gram Parsons desperat helle Stimme eine Magie, die wie sein schmales Werk bis heute nachwirkt. Um es kurz zu machen: Gram Parsons hat Country-Rock erfunden. Er war es, der diese beiden musikalischen Welten zu einer Zeit zueinander führte, als die eine als Sinnbild jugendlicher Revolte, die andere als konservativ-lahmarschiger Redneck-Sound galt. Dementsprechend waren die Geburtsprobleme.

Als Parsons mit der International Submarine Band auf Lee Hazlewoods LHI-Label erstmals dazu ansetzte, floppte das Ergebnis. Nach dieser kurzlebigen Formation schloss sich das Kind aus reichem Elternhaus den Byrds an, überzeugte diese, ihren leichtfüßigen Folkrock Richtung Country zu verändern, und veröffentlichte mit ihnen das Album Sweetheart Of The Rodeo – den nächsten kommerziellen Flop.

Parsons lernt durch die Prominenz der Byrds die Beatles und die Rolling Stones kennen, Keith Richards wird ein guter Freund von ihm. Richards ist es auch, der Parsons in Frankreich mit dessen Schicksal bekannt macht, mit Heroin.

Nachdem Parsons die Byrds wieder verlassen hat, gründet er mit Ex-Byrd Chris Hillman die Flying Burrito Brothers, mit denen er nicht nur Countryrock spielt, sondern auch Soulstücke wie At The Dark End Of The Street Richtung Country beugt. Auch diese Band verlässt er bald und beginnt – trotz Drogenproblemen eine Solokarriere in der er auf Emmylou Harris trifft, deren Karriere unter Parsons Einfluss in die Gänge kommt. Zwei Alben später ist es Sommer 1973 und Parsons tot.

Die Früchte seiner Pionierarbeit ernten andere. In den 70ern wird Countryrock zur erfolgreichsten Musik Amerikas. Langeweiler wie die Eagles bis zu Neil Young pflegen Parsons Erbe. Hennings Doku darf also so brav sein, weil sein Sujet abenteuerlich genug ist. Zu den interessantesten Szenen zählen Harris' Erzählungen über Parsons sowie die gnadenlose Offenheit bezüglich der bizarren Geschehnisse nach Parsons Tod. Daneben setzt Fallen Angel Parsons in das Licht, das ihm zusteht.

Elvis und Hank

Er gehört zu den größten des Rock'n'Roll. Zwischen Hank Williams und Elvis, deren musikalische Welten er (wieder) zusammengeführt hat. So hat alles auch begonnen: Nachdem Gram als Teenager Elvis in Florida live gesehen hatte, berichten Zeitzeugen, war er ein anderer Mensch. Seit diesem Abend wollte er nur eines: Rockstar werden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.10.2004)

Von
Karl Fluch

23. 10., 23.00
Stadtkino

24. 10., 15.30
Stadtkino
  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.