Dank an einen "Seelengefährten"

22. Oktober 2004, 17:50
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US-Theatermacher Peter Sellars im Interview über Jean-Pierre Gorins Salzburger Festspiel-Doku "Ein Brief an Peter"

Ein Interview mit US-Theatermacher Peter Sellars von Claus Philipp. Anlass: Die Viennale zeigt in ihrem Tribute an Jean-Pierre Gorin dessen Salzburger Festspiel- und Sellars- Dokumentation "Ein Brief an Peter".


STANDARD: Wie kam es dazu, dass der französische Filmemacher Jean-Pierre Gorin 1992 Ihre Salzburger Festspielinszenierung von Olivier Messiaens Saint-Francois d'Assise dokumentierte?

Peter Sellars: Ich lernte ihn Anfang der 90er Jahre beim Sundance-Festival kennen, wo wir beide jeweils mit einem Film vertreten waren. Wir hielten intensiven Kontakt miteinander. Dann wurden gerade die Salzburger Festspiele unter Gerard Mortier neu erfunden, und wenn gleichzeitig sollte meine Inszenierung dokumentiert werden. Ein paar Freunde meinten, dass wir dafür jemanden bräuchten, dessen Leben auch etwas mit dem Finden einer neuen Sprache, der Suche nach neuen Möglichkeiten zu tun haben sollte. So luden sie Jean Pierre ein.

STANDARD: Gorin wurde als Mitstreiter von Jean-Luc Godard berühmt. Sie selbst hatten auch mit Godard gearbeitet.

Sellars: Als Lehrling. So wie ich mir auch das Theater als Lehrling angeeignet habe: Das ist eine wunderbare Sache, denn man absorbiert so von einem Meister nicht nur das vordergründig Virtuose, sondern auch viele subtile Dinge, die man nicht genau in Worte fassen kann und die genau das betreffen, was wirklich vor sich geht. So ging ich bei Jean Luc Godard in die Lehre, als er seinen King Lear drehte.

Für mich gehören die frühen Filme, die Gorin mit ihm gemacht hat – darunter etwa Tout va bien (1972) - zu den wichtigsten überhaupt. Sie erreichen diesen notwendigen, extremen Punkt einer Krisis, wo man fragt, wie man die Welt wirklich verändern könnte. Wie artikuliert man das? Welche Sprache muss man dafür einsetzen?

STANDARD: Das heißt: Wie formuliert man für die Experten avanciert und gleichzeitig für die Masse griffig genug?

Sellars: Genau. Alle diese Widersprüchlichkeiten finden sich in diesen Filmen. Sie gehen mitten in diese Krisis hinein, sie benützen keine alten Klischees, sie zwingen sich und den Betrachter, nach vorne zu denken, allen alten Ballast hinter sich zu lassen, "Ich" zu sagen: Ich muss ganz klar von vorne anfangen. Ich muss von der Richtigkeit und Klarheit dessen, was ich tun will, überzeugt sein.

Für welches Recht, welche "Richtigkeit" soll man einstehen in dieser Welt? Sehen Sie, meine Schuhe hier wurden von chinesischen Gefangenen hergestellt. Vieles, was wir berühren, hat diese Ungerechtigkeit in seiner Herkunftsgeschichte. Was bedeutet das aber, wenn Ihre Schuhe nicht in einer chinesischen Exportfirma hergestellt worden sind? Wenn Sie für jeden Teil Ihres Lebens den Anspruch stellen: das muss klar, sauber, offen, ehrlich, rigoros sein? Das wäre natürlich eine Welt, in der Sie leben könnten. Und die Filme von Gorin haben diese Achtsamkeit, diesen Anspruch, die nächste Welt zu erschaffen, während man noch in dieser Welt lebt.

STANDARD: Was macht nun speziell Jean-Pierre Gorin als Künstler und Gegenüber aus?

Sellars: Er ist ganz offen, wie ein Kind – manchmal fast wunderlich und absonderlich, wie der Hauch einer Feder, unglaublich entspannend. Er gibt dem Leben Raum, da ist Raum für Zauber, für Begegnungen, und dafür, dass man nicht einfach sagen kann: Wir sind Freunde – oder Feinde; ich mag dich, ich mag dich nicht. Die Filme von Jean-Pierre sind viel subtiler, man spürt: Sie sind Teil des Lebensprozesses – was man von einem Godard-Film nicht unbedingt einfordern würde.

In ihm fand ich für Salzburg einen wunderbaren Seelengefährten, der wirklich tief verstand, und der mir schwierige Fragen stellte, die höfliche Leute sich nicht zu fragen trauen, und auch Leute, die dich hassen, nicht stellen. Er war da für mich.

Was auch so wunderbar war und auch Thema in den meisten seiner amerikanischen Filme ist, ist seine Haltung bei der Entdeckung einer neuen Welt. Er war noch nie bei einer Orchesterprobe gewesen. Er hatte diesen Prozess noch nie durchgemacht, dass so eine Inszenierung zuerst eine Weile nach gar nichts aussieht, und dann wird etwas daraus.

STANDARD: Wie fühlten Sie sich, als Sie und Ihre Arbeit von ihm beobachtet wurden?

Sellars: In den letzten 15 Jahren habe ich sehr konsequent an folgendem Thema gearbeitet: Wie übersetzt man kirchliche, religiöse Fragen in einer weltlichen Gesellschaft? Was bedeutet es, etwas nicht in einer Synagoge, einem Tempel, einer Moschee, einer Kirche zu präsentieren, sondern an einem Ort, wo jeder hinkommen kann, ohne gläubig zu sein. Das ist für mich ein sehr interessantes Projekt in einer Demokratie. Können wir einen Weg finden, über heilige, religiöse Themen sprechen, ohne von den Menschen zu verlangen, daran zu glauben?

Daher auch die Auseinandersetzung mit Franz von Assisi. Und es war für mich sehr berührend, dass Jean-Pierre, dieser Held der Mai-Revolution, dieser Mann, der sein Leben lang einerseits für eine Art radikalen maoistischen Materialismus stand, in den Raum kam, in dem wir probten. Sein Interesse an Dingen zu sehen, für die er sich nie interessiert hatte und von denen er nie geglaubt hatte, dass er sich dafür interessieren könnte.

STANDARD: Sie planen gegenwärtig für das Wiener Mozartjahr 2006 einen großen Filmzyklus mit internationalen Regisseuren. Wo wäre Gorin, von Mozart aus betrachtet?

Sellars: Was in Mozarts Leben und Werk so besonders war: Er fand immer einen Weg, tief widersprüchliche Dinge zu einer Lösung zu bringen. Man findet das in jeder Mozart-Oper – dieses Aufeinandertreffen von Ideen, die sich normalerweise ausschließen würden. Und das ist wohl Mozarts Revolution.

Haydn hingegen betreibt im Vergleich eine viel bürgerlichere Revolution – er erzählt von geheimen Vorlieben. Beethoven wiederum macht alles, was nötig ist, "um die Welt neu zu erfinden" – wie Godard. Da sind sie sich ähnlich: Schock und Gewalt, Leidenschaft und Ungeduld ihrer Visionen, wo sie nicht glauben können, dass andere Menschen das nicht verstehen. Für sie ist es so klar, so offensichtlich, was gemacht werden muss. So wie Beethoven liebt Godard die Welt über alles, und dann zerstückelt er sie.

STANDARD: Und Jean-Pierre Gorin – wo steht er?

Sellars: In der Mozart-Welt der Versöhnung. In einem Augenblick, wo jedes TV-Set auf der Welt uns Banden-Kriege und Menschen zeigt, die die Welt zerstören, machte er mit My Crasy Life (1991) diesen Film über Straßenbanden, der so zart und herzzerreißend ist. Das sind gefährliche Menschen, und Jean-Pierre macht einen Film, der so sanft ist! Für mich ist das das Geschenk: Diese Großzügigkeit.

STANDARD: Gibt es eine bestimmte Episode in Salzburg, die Ihnen besonders erinnerlich ist?

Sellars: Mein Leben ist so sehr auf die Gegenwart bezogen. Ich schaue kaum jemals zurück. Aber ich werde diese Woche zurück nach Kalifornien fahren und mir das Video von Ein Brief an Peter anschauen. Dann wird mir alles wieder einfallen.

Jetzt gerade wirbeln nur ein paar merkwürdige persönliche Dinge durch meinen Kopf. Etwa, dass die Presse ganz intensiv mein Haar bemäkelte: Die Frisur sei verrückt, und so weiter. Was ich also in dem Sommer machte: ich schnitt mir die Haare. Sie sehen es in dem Video. Ich sagte: "Kritisieren Sie nicht meine Haare, nur meine Arbeit. Schauen Sie, was wir tun, schauen Sie nicht auf die Oberfläche, schauen Sie dahinter. Das Erscheinungsbild ist gar nichts, schauen Sie auf das Innere."

Zum Beispiel sehen Sie in dem Film, dass mein Markenzeichen Frisur weg ist. In diesem Jahr hörte ich mit allen Routinen in meinem Leben auf. Es zählten nur meine Projekte. Und es war befriedigend, dass es am Ende jedes Tages Gespräche mit Gorin gab. Keine Bekehrungen, aber einen Dialog – Demokratie. Bekehrung ist Faschismus.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.10.2004)

  • Artikelbild
    foto: viennale
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