Kastanien sammeln

28. Oktober 2004, 17:50
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++ Pro & Contra --: Kastanien in den Socken, Kastanien in der Nachtkästchenschublade, Kastanien unterm Bücherregal, ...

+++Pro
von Florian Holzer

Irgendwoher kam eines Tages die unbestätigte Information, dass man für ein Kilo Kastanien, das man zur Fütterung der hungernden Tiere in den Lainzer Tierpark bringen würde, einen Schilling (damalige Währung, in Eurocent umgerechnet - keine Ahnung, aber wenig) bekommt. Das war interessant, denn erstens gab es damals, als ich noch klein war, einen stattlichen Kastanienbaum in der näheren Umgebung, dessen Früchte bis dahin kommerziell ungenutzt blieben; und zweitens gab es damals, als ich noch klein war, so riesige, runde Waschmittel-Tonnen aus Karton, die sich sehr dazu eigneten, mit Kastanien befüllt zu werden, um sogleich die hungrigen Tiere zu sättigen und in weiterer Folge einen gewissen bescheidenen Reichtum zu begründen. In meinen Träumen sah ich Autos, Häuser, Reisen, Boote. . .

Nun, gesammelt wurde wie nicht gescheit, um die Wette und bei jeder Tageszeit, abgeliefert hingegen nie (Logistik!), was die anfangs majestätisch glänzenden und mit der Zeit immer matter und staubiger werdenden Kastanien in der Tonne zum fixen Bestandteil der Kinderzimmer-Einrichtung werden ließ. Aber egal, denn es gab ja auch noch diese tollen Bastelanleitungen, die einem demonstrierten, wie man mit ein paar Kastanien und Zahnstochern eine Herde hübscher, undefinierbarer Tiere fertigen kann. Welch ein Spaß, ich glaube, wir hatten Zahnstocher eigentlich immer nur zu diesem Zweck.

Unlängst war ich wieder einmal im Lainzer Tiergarten - die Wildschweine wirkten glücklich und satt.

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Contra ---
von Tanja Paar

Kastanien in den Socken, Kastanien in der Nachtkästchenschublade, Kastanien unterm Bücherregal, Kastanien im Staubsaugersack. An allen erdenklichen und unausheckbaren Orten kommen spätestens an lauen Mainachmittagen die verschrumpelten, schon leicht ins Gelbliche tendierenden Relikte der Herbstspaziergänge ans Licht. Die Herbstspaziergänge allein, sein wir uns ehrlich, sind für uns bereits leicht spießige, zum Kleinfamiliendasein tendierende Mit-Dreißiger ja noch angemessen, wenn nicht sogar erbaulich. Wären da nicht die lieben Kleinen, die emsig wie die Eichhörnchen ausschwärmen und mit Taschen voller Kastanien wiederkehren.

Rosskastanien wohlgemerkt, die sie von tierliebenden Kindergärtnerinnen aufgehetzt für die braven Bambis und Bachen sammeln und in Ermangelung solcher in Kübeln und Säcken horten. Lässt Mami diese nächtens unauffällig im nächsten Altpapiercontainer verschwinden, weil in Kastanien sicher Zellulose drin ist und auch die Wohnung ihre Grenzen hat, entwickeln die Kinderchen rasch eine Gegenstrategie und verstreuen das Zeug unsystematisch, aber konsequent in ihrem ganzen Imperium. Der eine oder andere Baumstrunk, den der Nachwuchs in einem ersten Anflug von Sammelleidenschaft gehortet hatte, ließen sich wenigstens noch zu Brennholz machen. Aber das Rezept für schmackhaftes Rosskastaniengulasch war bisher nicht aufzutreiben. (Der Standard/rondo/22/10/2004)

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