Ein Mann will nach unten

21. Oktober 2004, 21:43
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Ein launiger Nachhilfeunterricht überdie Do's and Dont's des Musikbusiness: Die Rock-Dokumentation "Dig!"

Regisseurin Ondi Timoner zeichnet die Karrieren der befreundeten Bands Dandy Warhols und Brian Jonestown Massacre nach.


"So retro and so future." "The Velvet Underground of the 90ies!" "A brilliant monster!" So lauten Beschreibungen, für die nach der Sid Presley Experience referenzmäßig wohl eindeutigst benannte Band der Musikgeschichte: Das Brian Jonestown Massacre.

Die Zitate stammen aus Dig!. Einer Doku, in der Regisseurin Ondi Timoner die Karrieren zweier befreundeter Bands aufzeichnet. Einmal die der Dandy Warhols und eben die von Brian Jonestown Massacre. Während der Weg der Dandys beständig nach oben weist, übersetzt die andere den Satz "Ein Mann will nach unten" recht drastisch.

Eines der obersten Gebote im Pop lautet: Du sollst nicht an dein Image glauben. Ein Beispiel für dessen Missachtung ist etwa die britische Band Oasis, deren Werk hinter der Großkotzigkeit der Akteure längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Andererseits können es sich die Gallagher-Brüder bei ihrem Kontostand leisten, sich der Welt noch eine Weile als Über-drüber-Popstar zu verkaufen.

Ungleich schwieriger erscheint dieses Unterfangen, wenn man bereits vor dem kommerziellen Durchbruch ein Image personifiziert, das sich einerseits zwar auf Genie-Behauptungen gründet, andererseits einen gut Teil seiner Energie darauf verschwendet, der Welt zu beweisen, was für ein "fucking psychopath" man doch ist. Die Geschichte der Band Brian Jonestown Massacre ist unmittelbar mit der ihres Kopfes Anton Alfred Newcombe verbunden.

In den 90ern galt seine Band eine Zeit lang als "the next big thing". Ihr psychedelischer Sixties-Rock schien eine Möglichkeit zu sein, um das kreative Vakuum im US-Rock nach Grunge zu füllen. Aber Newcombe war nicht der Mann dazu. Timoner porträtiert ihn als eine Reinkarnation von Beach Boy Brian Wilson. Ein offenbar visionärer Musiker mit immensem Potenzial.

Doch wo Wilson das sensible Kuschelmonster war, das sich zusehends in sich selbst verlor, ist die Figur Newcombe mit jenen dunklen Facetten des Rocks ausgestattet, die viele seiner toten Helden charakterisierten: drogenabhängig, größenwahnsinnig, aggressiv gegen seine Band, das Publikum und damit gegen das eigene Fortkommen. Dass Newcombe dazu ein schrecklicher Poseur ist – was Wunder!

Dig! hat das Brian Jonestown Massacre und die Dandy Warhols sieben Jahre lang begleitet. Aus dem umfangreichen Material selektierte Timoner 110 Minuten Nachhilfeunterricht in Sachen Rock-Business. Sie zeigt einige Auftritte und vor allem Abgänge im alltäglichen Tourneewahnsinn, die Freunde, Manager und Plattenfirmenleute anekdotisch kommentieren.

Wertungen der beiden Karrieren nimmt Timoner keine vor. Was sie zeigt, spricht ohnehin Bände. Die Überraschung des Films: Newcombe überlebt. Zwar wurde es nichts mit dem großen Durchbruch. Immerhin hat der Mann eine Reputation wie eine ansteckende Krankheit.

Dafür ist er heute clean und – welch' Überraschung! – vom Film "menschlich" schwer enttäuscht. Auf seiner Homepage bemängelt Newcombe den Umstand, dass die Dandy Warhols bis 2003 gezeigt werden, während seine Geschichte 1997 endet und ihn als das menschliche Wrack stehen lässt, das er damals war.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2004)

Von
Karl Fluch

22. 10., 23.30
Metro

24. 10., 18.30
Urania

Links

digthemovie.com

brianjonestown
massacre.com


  • Artikelbild
    foto: viennale
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