Es lebe das Testosteron!

27. Oktober 2004, 07:00
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Für ihr biologistisches Männerbild hat sich Autorin Wäis Kiani eine saftige Zitrone verdient

Jetzt haben die Frauen den "Scherm" auf. Da haben sie sich jahrzehntelang abgestrampelt, um ein Mannsbild zu kreieren, nachdem sich schon Generationen von Frauen verzehren - einfühlsam, aufmerksam, liebevoll, gepflegt etc. sollte er sein - und jetzt stehen sie vor dieser Schöpfung des "neuen Mannes" und sind wieder nicht zufrieden. Das ist jedenfalls die Meinung der deutschen Autorin Wäis Kiani, die auch gleich weiß, woran das liegt, wie sie in einem APA-Interview bekannt gegeben hat. Im Gegenteil zum "echten Mann", dem Macho, Pascha und Haustyrannen, sei nämlich der Softie, den Kiani "Susi" nennt, "absolut unsexy". Und folglich fordert sie in ihrem Buch "Stirb Susi" ein möglichst schnelles Verschwinden dieses Typus.

"Es geht um Gleichberechtigung, nicht um Rollentausch", ereiferte sich Wäis Kiani, um gleich auszuführen, was sie darunter versteht: "Anstatt sich auf unserem Terrain wichtig zu machen, sollte ein Mann lieber mit seinen Kumpeln trinken gehen, sein Auto tunen, Geschäfte machen, möglichst viele Verhandlungen führen, öfter jemanden auflaufen lassen, seine Untertanen anbrüllen, ständig an Sex denken und auch bei jeder Gelegenheit mehr oder weniger freundlich darum bitten und, ganz wichtig: viel lügen".

"Das sind nun einmal die Männer, die wir sexy finden", so Kiani weiter. Denn im Gegensatz zur "Susi" habe dieser Typus nämlich folgende Vorzüge: Er verkörpere die bis vor der Zeit der Emanzipation als "männlich" geltenden Charaktereigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Unbekümmertheit oder Furchtlosigkeit - und er habe stets den Funken des Begehrens in seinen Augen. Also all das, was unter einem hohen Testosteronspiegel subsumiert wird. Und er "tut das, was die Natur für ihn vorgesehen hat", schwärmte die Autorin.

Na da sind wir aber froh, dass "die Natur" mittels Hormonausschüttung gleich das ganze Programm an Geschlechterrollen mitgeliefert hat. Lehnen wir uns entspannt zurück im Glauben an diese Naturhaftigkeit und warten, dass die Glückseligkeit über uns kommt. Und erwarten wir vor allem dieses "absolut sexy" Gefühl, wenn wir uns "wahren Männern" gegenüber sehen, die vor Testosteron zu platzen drohen.

Auf Wäis Kianis Theorie einzugehen, ist an dieser Stelle aufgrund deren Haarsträubigkeit unmöglich. Nur soviel: es könnte nicht schaden, wenn sie sich einige Basics zur Sex und Gender-Theorie aneignet und ein wenig die verschiedenen Kulturen in Geschichte und Gegenwart studiert, wo sich eigenartigerweise trotz Testosterons ein ganz und gar anderes Rollenverhalten findet als in der heutigen westlichen Welt. Vielleicht dämmert ihr dann, dass Biologismus uns nicht weiter bringt und ein einfühlsamer, liebevoller Mann tausendmal mehr Sexappeal haben kann als ein machistischer Naturtyp. (dabu)

27.10.04
  • Wäis Kiani:
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    foto: buchcover/goldmann
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