Ein Reiter gegen Windmühlen

20. Oktober 2004, 18:15
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Filme wie Nachrichten aus einer anderen Zeit und einem anderen Energiezustand: Erinnerungen an Vlado Kristl

Die Viennale würdigt den im Juli verstorbenen Filmemacher, Autor und Maler Vlado Kristl mit einem kleinen Special.


Das Rauschen des Flusses ist lauter als die Worte des Dichters: In Vlado Kristls letztem kurzen Film Kunst ist nur außerhalb der Menschengesellschaft wandert Carola Regnier mit einem Buch in der Hand durch einen Park. Sie deklamiert mit ganzer Kraft die Gedichte von Kristl, der ihr mit einer Videokamera folgt. Aber die Texte bleiben fast durchweg unverständlich, während achtlose Jogger vorbeilaufen, und niemand von der Kunstaktion Notiz nimmt.

Es steckt eine bittere Selbsterkenntnis in diesem kurzen Film, aber auch eine achselzuckende Konzentration auf die eigene Sache. Über Kristl war die Zeit ein wenig hinweggefegt. Als er am 7. Juli dieses Jahres in München starb, war dies nur wenigen Zeitungen eine Nachricht wert. Er war ein wenig in Vergessenheit geraten, der Rebell des Neuen Deutschen Films, der in den Sechzigerjahren aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen war und dort die intellektuelle Landschaft vorfand, an deren Aufhebung er sich sofort gründlich machte.

Das Kurzfilmfestival von Oberhausen war in diesen Jahren ein Brennpunkt der Debatten, und Kristl wusste dieses Forum zu nützen. Gebürtig aus Zagreb, Jahrgang 1923, war er alt genug, um in den Krieg bereits als aktiver Partisan einzugreifen.

Die Praxis der Partisanen blieb eine Richtschnur in seinem Handeln. Er agierte immer mit Vorliebe als Störfaktor in einem größeren Zusammenhang. Er war noch Animationsfilmer in Zagreb, als ihn Oberhausen zum ersten Mal einlud: Der Film hieß Don Kihot, der Reiter gegen Windmühlen ist natürlich ein Motiv, in dem Kristl sich selbst verstehen konnte. 1963 zog er nach München, in eine Stadt und in eine Filmkultur, in der damals fast alles möglich war.

Der Kurzfilm Madeleine, Madeleine (1963) wird in seiner letzten Arbeit, der Parkwanderung von Carola Regnier, noch einmal beschworen: Damals war es ein junger Mann, der durch den Englischen Garten ging und in ein Tennisspiel gerät, in dem es bald keine Regeln und keine Feldbegrenzung mehr gibt.

Kristl wurde verschiedentlich und zu Recht mit Jacques Tati verglichen. Der Unterschied liegt im Format: Tati zielte auf ein panoramatisches Gewimmel. Kristl aber arbeitete gegen das Panorama und für kleine Formen des Herumschwirrens. Er bezeichnete sich selbst als "Sensibilist" in Der Damm (1964), einer versponnenen Dreiecksgeschichte aus dem Leben einer Boheme, die mit Fassbinder und Achternbusch schwanger ging. Der Sensibilismus wurde später zu einer Kategorie der Kritik, als die politischen Orthodoxien nach 1968 in den Vordergrund traten.

Aber da war Kristl schon viel weiter in seiner kreativen Zerstörung, bei der ihm auch immer daran gelegen war, die jüngsten Etikettierungen abzuschütteln. Anarchist? Nicht in der BRD. Utopist! In der BRD? Eine Professur in Hamburg nahm Kristl übrigens an, wohl wissend, dass es kein Außerhalb des Systems gibt, zu dem er sich immer ungestüm verhielt.

Sein Obrigkeitsfilm (1971) trägt bereits die Spuren einer individuelle Verausgabung, die erkennen lässt, dass den Instanzen immer nur verwundbare Körper entgegenzuhalten sind. Aus diesem Wissen kommt Kristls Vorliebe für Slapstick, sein Interesse an Materialschlachten mit kleinem Aufwand. Er war ein Gesamtkünstler der kleinen Form, jederzeit bereit, Die Hälfte des Reichtums für die Hälfte der Schönheit wegzugeben, wie ein Kurzfilm heißt – wobei Reichtum bei ihm keine finanzielle Kategorie war und Schönheit immer die Aura des Flüchtigen besaß.

Das Buch mit den Gedichten, aus denen Carola Regnier im letzten Kurzfilm vorliest, heißt übrigens Der Menschenfeind. Die Geste des Gegnerischen, Vlado Kristls großes "Anti", konnte nur zu einem Werk führen, in dem gelegentlich etwas aufleuchtet, häufig aber auch etwas verschüttet bleibt. Die Arbeit der Freilegung bleibt einem Publikum, das diese Filme heute nur sehen kann wie Nachrichten aus einer anderen Zeit und einem anderen Energiezustand.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

Filme von Vlado Kristl

21. 10., 23.00
Stadtkino

22. 10., 13.00
Stadtkino
  • "Obrigkeitsfilm"
    foto: viennale

    "Obrigkeitsfilm"

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