Rasten im Lauf der Zeit

20. Oktober 2004, 18:15
posten

Der Taiwanese Hou Hsiao-hsien begibt sich in "Café Lumière" auf die Spuren des japanischen Meisters Yasujiro Ozu

... eine revidierte Tokio-Story, die von Zugfahrten, von Freundschaft und den Veränderungen einer jungen Frau erzählt.


Hajime (Tadanobu Asano) besitzt ein Buchgeschäft in Tokio. Seine Leidenschaft gehört jedoch einem anderen Medium. Mit Mikrofon und Tonbandgerät ausgestattet fährt er in seiner Freizeit mit Zügen quer durch die Stadt, um Geräusche aufzunehmen: nichts Spezifisches, keine Dialoge etwa, sondern das Insignifikante – all das, was man zu hören bekommt, wenn man unterwegs ist, dokumentiert er.

Kohi Jikou/Café Lumière, der neue Film des taiwanesischen Filmemachers Hou Hsiao-hsien, wendet sich mit einem vergleichbaren Gestus der Zerstreutheit seinen Figuren zu: Es gibt kaum Plot, die Ereignisse im Leben der Figuren bieten sich nur bedingt für eine Erzählung an. Sie sind stattdessen ganz im alltäglichen Lauf der Zeit aufgehoben. Das entsprechende Bild dafür sind die vielen Züge, Schienen und Straßenkreuzungen der Stadt: mögliche, aber keine zwangsläufigen Berührungspunkte.

Hou hat Café Lumière dem japanischen Kinomodernisten Yasujiro Ozu gewidmet, der im vergangenen Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Der Film ist von dessen Methodik inspiriert, vor allem im Formalen: Die Abkopplung der Bilder und Töne von ihrem raumzeitlichen Kontinuum verfolgt auch Hou – und mitunter ^kadriert er Szenen in der für Ozu charakteristischen Tischhöhe oder er filmt durch entleerte (Innen-)Räume, in denen die Zeit stillsteht, bis eine Katze hineinspringt.

Der Film mag ein wenig akademisch wirken, klassizistisch ist er deshalb nicht. Hou blickt, selbst ein Fremder, auf das gegenwärtige Japan, in dem die sozialen Zusammehänge andere sind als zu Ozus Zeiten. Hat dieser bereits von brüchigen Familienstrukturen erzählt, scheint Yoko (Yo Hitoto), die Protagonistin von Café Lumière, noch viel mehr auf sich allein gestellt zu sein – wenn auch nicht so radikal wie Vicky, das Mädchen aus Hous letztem Film Millennium Mambo.

Wortlose Sorge

Yoko ist aus Taiwan nach Japan zurückgekehrt. Dass sie schwanger ist, erfährt man erst nach einer Weile. Der Vater des Kindes bleibt abwesend, Yoko will ihn nicht heiraten. In einer langen Einstellung teilt sie diese Entscheidung ihrem Vater mit, seine Sorge äußert sich im Schweigen, in der Unfähigkeit, die passenden Wort zu finden. Die Familie ist hier zu einem leeren Raum geworden, in dem sich keine Affekte mehr aufbauen.

Eine Alternative stellt Yokos Freundschaft mit Hajime dar: Der Film lässt sich viel Zeit, die beiden in Cafés zu begleiten, wo sie nie allzu viel miteinander reden. Gemeinsam recherchieren sie Spuren des koreanischen Komponisten Jiang Ewn-ye, der in den Dreißiger- und Vierzigerjahren in Tokio gelebt hat – eine Suche nach Orten, die bestimmte Informationen bergen, nach einem Verhältnis zur Vergangenheit. Sie lässt zugleich die Nähe zwischen den beiden aufscheinen, die Liebe von Hajime, die so unausgesprochen wie unerwidert bleibt.

Die Suche bleibt das nachhaltigste Motiv in Café Lumière. Es geht um Yokos Zukunft, um die Frage, wie sie weiterleben wird. Hou lässt uns nur über Wahrnehmungsbilder daran teilhaben, der urbane Raum wird derart zu einem einzigen transitorischen Moment. Am Ende schläft Yoko in der Metro ein. Als sie aufwacht, sieht sie Hajime, der im Parallelzug seine Töne aufnimmt. Der Film funktioniert ein wenig wie dieses Bild: Er eint Figuren in einer Einstellung und zeigt, was zwischen ihnen steht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

22. 10., 18.30
Urania

25. 10., 13.00
Gartenbau
  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.