Schlüsselszenen einer Ehe

20. Oktober 2004, 18:15
posten

Fünf Kapitel aus der Geschichte eines Paares: "5 x 2" - Regisseur François Ozon im STANDARD-Interview

Von der Scheidung bis zum ersten Rendezvous: der neue Film von François Ozon die fatale Dynamik zwischen zwei Liebenden vom Ende her auf. Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur zum Gespräch.


STANDARD: 5 x 2 erzählt die Geschichte einer Ehe und beginnt mit ihrem Ende. Umso schmerzhafter werden die späteren, raren Momente von Glück...

Ozon: Es war wichtig für mich, mit dem Beginn der Geschichte zu enden, weil für eine Liebesgeschichte der Anfang das Wesentliche ist. Wie Dinge aufhören, ist mir dagegen egal; die beiden Protagonisten, Marion und Gilles, vertrauen sich zunächst. Sie glauben an ihre Geschichte, sie fühlen sich lebendig – das ist zu diesem Zeitpunkt zentral. Der Film ist nicht pessimistisch, er sucht bloß nach einer unverstellten Sicht auf die beiden. Er sagt, dass es nicht wichtig ist, dass etwas zu Ende gehen. Die Tatsache, dass etwas beginnt, erweckt die beiden ja erst zum Leben.

STANDARD: Sie leben dann aber nicht allzu lang ...

Ozon: Ich wollte durchaus, dass der Film frustrierend wirkt. Er soll die Fantasie des Zusehers anregen und keine Antworten geben. Das ist vielleicht für manche Zuseher überraschend. Aber das ist, was ich persönlich von einem Film erwarte: dass er in meinem Kopf weiterläuft und ich ihm gegenüber eine Haltung annehmen muss.

STANDARD: Glauben Sie, dass Männer den Film anders sehen als Frauen?

Ozon: Ich glaube, es gibt zwei Filme: den Film, den ich zeige, und jenen, den sich jeder Zuseher in seinem Kopf macht. Es gibt viele Auslassungen und Löcher darin, vieles, das man auffüllen muss. Und, ja, ich glaube, dass 5 x 2 auch von der Erfahrung eines jeden genährt wird: Als Regisseur hat es mich ja interessiert, den Film mit dem Zuseher kurzzuschalten.

STANDARD: Sie zeigen klassische Momente einer Beziehung – die Scheidung, die Geburt des Kindes, die Hochzeit etc.: Schlüsselszenen, die zugleich allgemein wie auch spezifisch sind.

Ozon: Ich glaube, dass man im Augenblick einer Begegnung in einem Zustand der Idealisierung ist. Man glaubt an den Sonnenuntergang, man sieht den anderen nicht so, wie er ist, sondern so, wie man ihn sich erträumt – das ist das Schöne daran. Es gibt aber einen wichtigen Augenblick in jeder Liebesgeschichte: den Augenblick, in dem die Sonne nicht mehr blendet; in dem man den anderen tatsächlich so sieht, wie er wirklich ist.

Nur wenn es einem gelingt, zu lieben und die Fehler des anderen anzunehmen, kann eine wirkliche Geschichte entstehen. Wenn es einem nicht gelingt, dieses Stadium durchzustehen, was ja bei Marion und Gilles der Fall ist, kann die Geschichte brutal enden.

STANDARD: Die Entwicklung zeigt sich auch über die Mise-en-scène, zu Beginn sind die Räume ganz eng ...

Ozon: ... ja, der Film sollte sich vom Anfang zum Ende hin öffnen, also eigentlich vom Ende zum Anfang hin.

STANDARD: An einer Stelle werden Sie dann aber doch explizit: Wenn Marion Gilles schon in der Hochzeitsnacht betrügt.

Ozon: Das sehe ich anders. Marion trifft keine Schuld. Was ich zeigen wollte, ist, dass man manchmal untreu sein muss, um seine Liebe zu spüren. Das war die Idee. Ich habe dafür absichtlich die Hochzeitsnacht ausgesucht, ein Klischee, so wie der Sonnenuntergang am Ende – ein Klischee, um ein anderes Klischee umzukehren. Denn wichtig an dieser Szene ist mir, dass es nicht der Mann ist, der seine Frau vor der Hochzeit betrügt, sondern die Frau. Es geht also darum, diese etwas machohafte Situation umzukehren, die man in so vielen anderen Filmen sieht.

STANDARD: Die Frau ist also die Stärkere in dieser Geschichte?

Ozon: Ja, durchaus.

STANDARD: Eine wichtige Rolle spielt die Musik, die ja auch eine Art Klischee transportiert. Warum haben Sie sich für diese gefühlsintensiven Chansons entschieden?

Ozon: Die italienischen Chansons erfüllen zwei Funktionen: Einerseits sind sie ironisch, wenn die Leichtigkeit der Lieder die schwarzen Szenen kontrastieren; aber ich glaube auch an das Sentimentale dieser Lieder – sie sagen viel Wahres über Gefühle. Meist haben sie ja etwas banale Texte und einfache Melodien, in die wir unsere Geschichten hineinprojizieren.

Der Film funktioniert selbst ein bisschen wie die Chansons: 5 x 2 besteht auch aus solchen alltäglichen Situationen, die jeder kennt. Man nährt den Film mit seiner eigenen Lebensgeschichte.

STANDARD: In einer Szene treffen Marion und Gilles auf ein homosexuelles Paar. Stellt das für Sie ein Gegenmodell dar?

Ozon: Ich wollte Paare darstellen, die eine Spiegelfunktion zueinander haben. Das Homosexuellenpaar ist für das heterosexuelle Paar etwas, was a priori erstrebenswert sein könnte. Ich zeige aber auch, dass es diesem Paar nicht besser ergeht als dem anderen; dass es auch Probleme im Zusammenleben hatte. Es gibt in dieser Szene viel Gerede um die Freiheit in einer Beziehung. Mich hat der Kontrast zwischen der Rede und der Realität der Handlungen interessiert. Alle Paare, ob nun hetero- oder homosexuell, versuchen, auf ihre Art glücklich zu werden.

STANDARD: Valeria Bruni-Tedeschi und Stéphane Freiss spielen ihre Rollen ungemein präzise. War es schwierig für die beiden, durch diese emotionellen Stadien zu gehen?

Ozon: Für Stéphane war die Szene mit der Geburt des Babys schwer, denn er ist selbst Vater, und er verstand die Reaktion des Mannes nicht. Also half ich ihm psychologisch: Ich sagte ihm, vielleicht erinnert ihn diese Person an seine eigene Geschichte. Das Ergebnis finde ich sehr gut, man fühlt, wie angespannt er ist.

Valeria war am Ende des Filmes sehr traurig, weil es vorbei und gleichzeitig auch ein Beginn war. Für sie ging der Film sehr tief, er erzählt ja auch über die Jugend und die Hoffnung auf Liebe – aber danach müssen Sie Valeria selbst fragen. Ich hatte den Eindruck, dass das Ende für sie viel schwieriger war als die ersten Szenen. Wir sind sehr stark bei Scheidungen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2004)

21. 10., 20.30
Gartenbau

23. 10., 11.00
Urania
  • Valeria Bruni-Tedeschi und Stéphane Freiss
    foto: viennale

    Valeria Bruni-Tedeschi und Stéphane Freiss

  • Bild nicht mehr verfügbar

    François Ozon

Share if you care.