"Die derzeitigen Zustände sind nicht normal"

19. Februar 2005, 15:00
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Die Studienrichtungsvertretung Publizistik erklärt in einem Interview, was sie sich von der Donnerstag-Demo erwartet und warum Protest nötig ist

DerStandard.at/Uni: Am Donnerstag dem 21.10.04 findet eine von ihnen organisierte Demonstration unter dem Motto „Ministerin Gehrer übernehmen sie endlich Verantwortung“ statt. Wie genau wird diese ablaufen und welche Forderungen bzw. Ziele werden verfolgt?

STRV: Der Treffpunkt ist um 12h vor der Hauptuni und die Demo zieht zum Ballhausplatz, dann zum Bildungsministerium und wieder zurück zur Uni, wo dann eine Schlusskundgebung stattfindet. Ziel ist es zu zeigen, dass die Studierenden mit der aktuellen Bildungspolitik nicht einverstanden sind, und dass es so nicht weitergehen kann. Es kann nicht angehen, dass die derzeitigen Zustände als "normal" angesehen werden. Wir fordern ein Ende der chronischen Misere der Unis, d.h. ausreichende finanzielle Mittel um Lehre und Forschung betreiben zu können. Eine Gesellschaft muss bereit sein, die Kosten dafür zu tragen. Der freie Hochschulzugang muss gesichert und entsprechend finanziell gestützt werden, auch ohne Studiengebühren. (zu den Forderungen siehe auch unsere aktuelle Presseaussendung)

DerStandard.at/Uni: Wie viele Studenten und Professoren werden bei der Demonstration erwartet?

STRV: Schwer zu sagen. Die derzeit vorhandene Präsenz des Themas in den Medien lässt uns auf rege Teilnahme hoffen. Die Stimmung ist im Moment ziemlich geladen, vor allem nach den Interviews die Ministerin Gehrer in letzter Zeit gegeben hat. Die Aussagen waren ja haarsträubend.

DerStandard.at/Uni: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass das Bildungsministerium dem Institut nicht mehr Geld zu Verfügung stellen kann oder möchte? Immerhin wären genügend Mittel vorhanden um Gastprofessoren zu finanzieren.

STRV: Das wären ja keine richtigen Gastprofessoren, die das Rektorat angeboten hat, sondern nur externe Betreuer, die sich für ein paar Tage im Monat Wien aufhalten würden. Echte Gastprofessoren, die ein bis zwei Jahre am Institut arbeiten würden, kosten da schon etwas mehr, aber würden auch eine sinnvolle Betreuung der DiplomandInnen gewährleisten. Das Ministerium hat hier mit dem UG 2002 elegant die Verantwortung an die Universitäten abgegeben und hat diese für autonom erklärt. Diese Autonomie hätte man im Mittelalter wohl als Vogelfreiheit bezeichnet, denn gleichzeitig wurde der Geldhahn zugedreht. Die Unis dürfen in Freiheit verhungern. Die vollmundig gepriesene Aufstockung des Uni-Budgets, gibt ja nur zurück was vorher massiv gekürzt wurde.

Über die Beweggründe können wir nur spekulieren. Einerseits wird mit dem Thema Universität keine Wahl gewonnen, andererseits drängt sich der Verdacht auf, dass die Regierenden kein Interesse daran haben, möglichst vielen Menschen eines Altersjahrgangs eine anständige universitäre Bildung zu ermöglichen. Dass das Publizistikinstitut besonders kurz gehalten wird, liegt allerdings in der Verantwortung des Rektorats. Die Nachfrage nach diesem Studium wird anscheinend immer noch für eine "Modeerscheinung" gehalten. Nach 20 Jahren steigender Studierendenzahlen sollten sich die Verantwortlichen endlich fragen, ob es sich hier nicht doch um ein größeres Phänomen handelt, dass mit Veränderungen in der Gesellschaft zu tun hat.

DerStandard.at/Uni: Was sagen Sie zu der Aussage von Frau Minister Gehrer, dass "an den Unis normale Zustände herrschen“?

STRV: Mit der Zeit gewöhnt man sich ja an alles. Auch daran, dass 50 und mehr Studierende an einem Seminar teilnehmen, dass Gespräche zwischen Diplomandinnen und Lehrenden an ein Speeddating erinnern, weil der Lehrende noch 100 andere "betreut", dass man einen dringend benötigten Seminarplatz nicht bekommt, dass Forschung praktisch unmöglich wird, weil die Lehre alle Ressourcen bindet, dass Lehrende in Räumen arbeiten müssen, die wohl ursprünglich als Abstellraum konzipiert waren. Im Paralleluniversum der Ministerin mag das vielleicht als normal gelten.

DerStandard.at/Uni: Wie sehen Sie die Chancen eventueller Klagen auf Rückerstattung von Studiengebühren?

STRV: Das wird derzeit vom Juristen der Bundesvertretung geprüft. Wir legen aber Wert darauf, klarzustellen, dass wir die Studiengebühren nicht als Argument sehen um Leistungen zu fordern. Damit würden wir sie legitimieren. Es darf bei Bildung keine Rolle spielen, ob dafür gezahlt wurde oder nicht. Die Unis müssten auch ohne Studiengebühren von der Allgemeinheit erhalten werden können, vor allem in einem reichen Land wie Österreich.

DerStandard.at/Uni: Wie erklären Sie sich das momentane Medieninteresse an den Zuständen am Institut, gleichwohl diese Probleme nicht erst seit heuer existieren?

STRV: Die Maßnahme des Instituts hat für viel Wut bei den Studierenden gesorgt und es sind einige Tausend betroffen. Das war eine Eskalation, die natürlich für die Medien interessant ist, aber für die Betroffenen katastrophal. Darum hält sich bei uns als Studierendenvertretung die Freude über die Medienpräsenz in Grenzen.

DerStandard.at/Uni: Welche Mittel werden Sie, gemeinsam mit der ÖH, ergreifen sollten die Demonstration und der mediale Druck nicht zur Verbesserung der Situation am IPKW beitragen?

STRV: Derzeit versuchen wir die Aufmerksamkeit, die uns die Medien entgegenbringen, aufrecht zu erhalten, damit eben nicht so einfach über unsere Forderungen hinweggesehen werden kann. Die Bundesvertretung bietet jenen Studierenden Unterstützung an, die rechtliche Schritte gegen die Universität erwägen. Unsere Möglichkeiten als Studienrichtungsvertretung sind allerdings sehr begrenzt. Wenn die Politik nicht handeln will, werden Kolleginnen ihre Beihilfen verlieren, ihr Studium kurz vor dem Abschluss abbrechen müssen, länger Studiengebühren bezahlen als sie eigentlich müssten oder sie fallen in den neuen Studienplan, was das Studium noch einmal verlängern würde.

Wir werden nicht aufhören energisch auf diesen Skandal aufmerksam zu machen, aber vorerst können wir nur hoffen, dass es das Ministerium und das Rektorat nicht so weit kommen lassen, und dass sie sich und Österreich eine bildungspolitische Blamage der Sonderklasse ersparen.

Ein E-Mail–Interview geführt von Homajon Afshin Sefat, der selber Publizistik an der Uni Wien studiert
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