Reisen wird extremer

23. Mai 2005, 16:47
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Hotels im All und Tagesausflüge zum Mond - Urlauber werden in Zukunft vermehrt das Extreme suchen

Seit am 4. Oktober das "SpaceShipOne" zum zweiten Mal binnen einer Woche den Rand des Weltraums erreichte und damit den "X-Prize" gewann, haben solche Prognosen wieder Konjunktur.

Der Brite Sir Richard Branson will Hobby-Astronauten für 170.000 Euro pro Person zu Tausenden auf die Reise schicken. Auf der Erde boomen zugleich die Billigflieger. Beides passt nur auf den ersten Blick nicht zusammen. Denn Experten erwarten, dass Urlauber immer öfter Extreme suchen werden: Besonders teuer, besonders billig oder besonders ungewöhnlich soll es sein.

Massen wird der Weltraumtourismus nicht anlocken. Doch dass es "etwa 2030 bis 2035" ein Hotel 400 Kilometer über der Erde gibt, hält Prof. Karl Born, Tourismusexperte an der Hochschule Harz, für realistisch. Die Kosten seien kein Problem: Schon heute zahlten Touristen für Weltreisen mit der "MS Europa" mehr als 100.000 Euro. Flüge an den Rand des Alls werden laut Born im Jahr 2020 sogar "so normal sein, dass die Medien nicht mehr darüber berichten".

"Die Mehrheit der Bevölkerung wird auch in 20 Jahren nicht im All oder in Unterwasserhotels Urlaub machen wollen", dämpft Prof. Martin Lohmann, Leiter des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung (NIT) in Kiel, zu hohe Erwartungen. Für die Deutschen werde es bei der Formel bleiben: Je gut ein Drittel macht Urlaub hier zu Lande und am Mittelmeer, der Rest vor allem im übrigen Europa. Die Art und Weise, wie die Urlaube organisiert und gestaltet werden, dürfte sich allerdings ändern.

"Die vielen Vertriebs- und Werbekanäle für Reisen führen zu einer Informationsüberlastung des Verbrauchers", beschreibt Lohmann eine Entwicklung, die längst begonnen hat. Die Veranstalter und Reisebüros würden darauf verstärkt mit maßgeschneiderten Angebote reagieren. "Der Kunde hinterlegt dazu im Reisebüro oder im Internet eine Art Wunschliste, wie sein Urlaub aussehen soll", sagt auch Born. Sobald dann ein entsprechendes Ferienpaket verfügbar ist, wird der jeweilige Kunde informiert und kann es buchen.

Dabei werden die Menschen eher kürzer verreisen: "Eine Woche statt 14 Tage Thailand", nennt Born ein Motto der Zukunft. Auch dies gehöre zu der Polarisierung mit immer extremeren Reiseformen. Der Forscher spricht von einem "Verlust der Mitte": "Die klassische zweiwöchige Familienreise nach Teneriffa wird es immer weniger geben."

Klaus Laepple, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) in Berlin, sieht das ähnlich: "Der Trend wird sich verstärken, dass die Leute öfter mal kurz rauswollen, um aufzutanken." Auch dass viele Menschen wegen steigender Sozialabgaben und der kommenden Rentenbesteuerung jeden Euro häufiger umdrehen, stärke das Interesse an kürzeren Reisen. "Und es wird wieder etwas geben, das heute fast verpönt ist: lange für den Urlaub zu sparen."

Noch stärker in Mode kommen wird Urlaub in künstlichen Welten wie Disneyland, sagt Born. Dort wisse der Urlauber, was er bekommt. "Das ist wichtig in Zeiten, in denen Zeit und Geld knapp werden, weil man sein Erlebnisrisiko minimiert". Die Richtung der Entwicklung zeige Dubai. Dort werden mehrere künstliche Urlaubswelten in den Wüstensand und ins Meer gesetzt, etwa die Hotelinseln "The Palm" oder die größte Hallen-Skisportanlage der Welt, das im Herbst 2005 eröffnen soll. Dort entstehe "Qualitätsurlaub in komplett neuen Dimensionen".

Wohin der Urlauber der Zukunft reist, hängt aber auch sehr mit der demographischen Entwicklung zusammen: Im Schnitt werden die Deutschen immer älter, "Seniorenreisen" gewinnen an Bedeutung. "Im Moment sind die "Jungen Alten" finanziell noch in der Lage, viel zu reisen", sagt BTW-Präsident Laepple. Ob das in 20 Jahren noch so ist, stehe in der Sternen. "Vieles wird unberechenbarer."

Lohmann ist optimistisch, dass auch die Älteren der Zukunft oft und gerne auf Reisen gehen. Die Menschen nähmen "ihr Reiseverhalten meist aus der Lebensmitte mit ins Alter". Die heute 40- bis 55- Jährigen dürften also auch in 20 Jahren verstärkt den sonnigen Süden aufsuchen. Deshalb sei es richtig, wenn sich die von den heutigen Senioren bevorzugten Ziele wie Schwarzwald und Harz bemühen, mit einem neuen Image junge Leute anzusprechen. Eines werden sie allerdings nicht ändern können: "In Deutschland hat man ein permanentes Wetterrisiko", klagt Born. Zumindest das wäre für Weltraumtouristen kein großes Problem mehr.(apa)

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