Abrechnung mit der Ära Thatcher

26. Oktober 2004, 21:46
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Überraschung beim Booker-Preis: Alan Hollinghurst gewinnt mit "Line Of Beauty" den bedeutendsten britischen Literaturpreis

London - Überraschung bei der Bekanntgabe des Booker-Preisträgers am Dienstagabend in London: Mit "The Line of Beauty" von Alan Hollinghurst hat erstmals ein Roman über die Schwulen-Szene die bedeutendste britische Literatur-Auszeichnung gewonnen. Die Expertenjury entschied sich mit knapper Mehrheit für die scharfzüngige Abrechnung mit der Thatcher-Ära, die nicht zu den Favoriten der Buchmacher gezählt hatte. Eine deutschsprachige Ausgabe des Buches ist in Vorbereitung. Sie soll im Herbst 2005 im Karl-Blessing-Verlag erscheinen.

"Tief unter die Haut der thatcheristischen 80er Jahre"

Der Jury-Vorsitzende Chris Smith, der Ende der 90er Jahre der erste bekennende homosexuelle Minister Großbritanniens war, sprach von einer "unglaublich schwierigen Entscheidung". Letztlich habe ein Buch gewonnen, das "aufregend ist, brillant geschrieben und tief unter die Haut der thatcheristischen 80er Jahre geht". Der mit umgerechnet 75.000 Euro dotierte Booker-Preis wird jedes Jahr für einen Roman aus den Commonwealth-Ländern oder aus Irland vergeben.

Story der Londoner Schwulen-Szene vor gesellschaftspolitischem Hintergrund

"Ich weiß, dass dies eine Entscheidung ist, für die ich den Rest meines Lebens dankbar sein werde", sagte der 50-jährige Autor. Sein Roman ist einerseits ein Stimmungsbild der 80er Jahre, als Großbritannien von der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher von Grund auf umgekrempelt wurde. Während der Wiederaufstieg zur dynamischen Wirtschaftsmacht begann, verschärfte sich das soziale Klima. Mit diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund verbindet Hollinghurst eine Schilderung der zunehmend selbstsicheren Londoner Schwulenszene, die mit einem Mal von der Aids-Epidemie erschüttert wird.

Beziehungen der Hauptfigur mit schwarzem Arbeiter und einem Multimillionär

Hauptfigur des auch als Tragikomödie beschriebenen Romans ist der junge Akademiker Nick Guest. Er zieht in das Haus eines ehrgeizigen Staatssekretärs und seiner Familie. Zunächst genießt er die aufregenden 80er in vollen Zügen, beginnt Beziehungen mit einem schwarzen Arbeiter und einem Multimillionär. Doch am Ende kommt der tiefe Sturz. Die Geschichte spiegelt nach Hollinghursts Worten seine eigene negative Sicht der Thatcher-Jahre: "Ich habe lange gebraucht, ehe ich die richtige Art, darüber zu schreiben, gefunden habe."

Hollinghurst: Ex-Times-Kulturjournalist

Hollinghurst, ein ehemaliger Kulturjournalist der "Times" und Richard-Wagner-Verehrer, veröffentlichte seinen ersten Roman 1988 ("The Swimming-Pool Library"). Sein Roman "The Folding Star" war 1994 bereits für den Booker-Preis nominiert. Der Booker-Preis hat schon viele Bücher zu Bestsellern gemacht. So brachte er vor zwei Jahren den internationalen Durchbruch für Yann Martels "Schiffbruch mit Tiger". (APA/dpa)

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