Mit einer besonderen Wahrheit verknüpft - Gespräch mit dem Fotohistoriker Carl Aigner

21. November 2005, 19:05
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Fotografie hat die Beschleunigung seit dem 19. Jahrhundert begleitet und droht jetzt von ihr überholt zu werden. Mit dem Fotohistoriker Carl Aigner sprach Michael Freund über die Bedeutung des Fotojournalismus und die Konkurrenz durch eine konstruierende digitale Technik.

STANDARD: Herr Aigner, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Fotografie. Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach der Fotojournalismus?

Carl Aigner: Der Fotojournalismus hat auf weite Stecken das Weltbild des 20. Jahrhunderts geprägt. Es gibt Bilder, die eine kollektive, globale Präsenz haben. Ich denke etwa an das vietnamesische Mädchen, das vor dem Napalm-Angriff davonläuft. An den Zeppelin-Absturz in New Jersey. An die politische Inszenierung der nationalsozialistischen Macht, in Nürnberg etwa. An Chruschtschow in Wien, Kennedy in Berlin. An die erste Mondlandung.

Diese Ereignisse, die es zum Schluss auch im Fernsehen gegeben hat, sind aber in Österreich noch sehr stark über das Medium Fotografie rezipiert worden.

STANDARD: Vorher hat es auch schon die Wochenschauen in den Kinos gegeben.
Aigner: Ja, und die spielten gerade unter dem Nationalsozialismus eine große Propagandarolle, aber sie waren damals mit den Fotos nicht vergleichbar. Später allerdings war auch bei uns das Fernsehen bestimmend. Das Attentat auf Reagan zum Beispiel ist bei mir nur mehr als TV-Sequenz präsent. Wobei mir seltsamerweise zu Clinton danach wieder stärker Fotos einfallen. Reagan war wohl eher ein TV-Präsident.

STANDARD: Vielleicht, weil er Filmschauspieler war.
Aigner: Kann sein. Jedenfalls ging die Epoche der klassischen Fotografie in den Achtzigern zu Ende.Wenn man das Medium gesellschaftlich-anthropologisch betrachtet, dann ist es deswegen auf den Plan getreten, weil sich die europäische Kultur im 19. Jahrhundert beschleunigt hat. Dazu brauchte man ein schnelleres Bildmedium. Die Beschleunigung aber - das wissen wir von Paul Virilio - hat sich explosiv weiterentwickelt. Und spätestens mit dem Fernsehen wurde die Fotografie vergleichsweise zu langsam. Zuerst gab es TV als Visavis, dann die Entwicklung des digitalen Bildes.

STANDARD: Das würden Sie nicht mehr zur Fotografie zählen?
Aigner: Eigentlich nicht, weil es eine ganz andere Bildmaterialität bedeutet. Und das hat eine sehr nachdrückliche inhaltliche Bedeutung. Denn die Fotografie im klassischen Sinn des chemischen Bildträgers ist ja nicht nur ein Medium, das sehr genau etwas aufzeichnen kann, sondern entscheidend ist: Sie bezeugt, dass etwas vorhanden, gegeben ist (abgesehen von den Möglichkeiten der nachträglichen Manipulation).

Detailtreue alleine war keine Erfindung der Fotografie, die hat es als Vorstellung und Realisation schon bei Dürer gegeben. Die Fotografie kann das auch, doch sie belegt zusätzlich: Diese Hände, dieser Hase, dieses Rasenstück waren wirklich da. Das heißt, sie ist mit einer besonderen Wahrheit verknüpft, mit einer Authentizität des Gezeigten. Ich kann Sie nicht fotografieren, wenn Sie nicht physisch vorhanden sind.

STANDARD: Das könnten Sie mit einer Digitalkamera auch nicht.
Aigner: Doch, ich kann Sie darstellen, ich kann Sie algorithmisch konstruieren. Für den Chip wäre das dasselbe.

STANDARD: Das heißt, mit dem Ende der Chemie ginge eine Periode der Authentizität zu Ende? Wäre die dann etwas geschichtlich Einmaliges gewesen?
Aigner: Das kann man nur in einem großen Zusammenhang begreifen. Es gibt ja einen erstaunlichen Konnex zwischen der Digitalfotografie und der Bio- und Gentechnologie: Beides geht nicht ohne Computer, in beiden spielt die Verarbeitung großer Datenmengen eine entscheidende Rolle. Wenn wir in ein Zeitalter eintreten, in dem aus der Substanz heraus konstruiert wird, wenn Lebewesen konstruierbar werden, dann hat die Qualität der Abbildung nicht mehr diese Relevanz. Das bedeutet, dass das adäquate zeitgenössische Medium nicht mehr referierend, sondern konstruierend verfährt. Das Moment des Referenziellen entbehrt zunehmend einer gesellschaftlichen Notwendigkeit.

STANDARD: Im täglichen Leben, bei Essen, Wohnen, Beziehungen, Reisen geht es aber doch weiterhin sehr referentiell zu - wir beziehen uns auf Konkretes.
Aigner: Das stimmt. Aber spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts - Stichworte Röntgen ("Röntgen-Fotos"!), Freud, Einstein - sind wir vor die Tatsache gestellt, dass "die Welt" nur zum Teil in einem Bereich liegt, den wir sehen. Für vieles, das sich zum Beispiel im molekularen oder subatomaren Bereich abspielt, gibt es daher so genannte "bildgewinnende" Techniken.

STANDARD: Wir stellen uns nicht etwas vor, das es vielleicht nicht gibt, sondern es wird uns etwas vorgestellt, was es gibt, aber nicht sichtbar ist. Also Imaging statt Imagining.
Aigner: Genau. Es werden ganz andere Darstellungsweisen benötigt, als die traditionelle optisch-visuelle Welt sie bietet. Wir brauchen viel komplexere - ich will nicht sagen: Apparate, es sind eher Technologien der Darstellung, die haben nichts Mechanisches mehr. Bei den neuen digitalen Kameras gibt es ja praktisch nichts Bewegliches mehr.

STANDARD: Außer etwas, das analoge und digitale Fotografie gemeinsam haben: den Verschluss. Es geht um diese Hundertstelsekunde, einen bestimmten Ausschnitt aus dem Zeitfluss. Um wieder auf den Fotojournalismus zurückzukommen: Das ist ja nach wie vor das Entscheidende.
Aigner: Und noch etwas anderes, das in den Dreißigern und Vierzigern, vor allem durch die Agentur Magnum, geprägt wurde: die hohe Bildethik, die sich mit dem Siegeszug des Fernsehens langsam auflöste.Wobei ich bei der Gelegenheit sagen möchte, dass das Erscheinen des STANDARD in den späten Achtzigern so etwas wie eine Rückgewinnung der Bildqualität bedeutet hat. Da hat man zehnmal auf ein Foto geschaut, weil es so gut überlegt war - der Winkel, der Bildausschnitt, das war ein Genuss. Nicht nur mir ging das so, auch vielen Freunden und Bekannten, die sich mit dem Medium Fotografie beschäftigen.

STANDARD: Der Digitalisierung der Fotoreportage scheinen Sie aber skeptisch gegenüberzustehen.
Aigner: Vielleicht hängt das mit der Geschwindigkeit zusammen, aber mir kommt vor, dass wir mit den digitalen Fotos an Qualität verlieren. Gut, schon im 19. Jahrhundert hat man die Fotografie als stupide und mechanische Verflachung kritisiert. Trotzdem, heute stellt man fest: Digitale Bilder sind im Wortsinn flacher, es fehlt die Tiefe des Bildes, den Unterschied merkt man beim genauen Hinschauen. Wir haben einmal in einer Jury verschiedene Bilder auch daraufhin angeschaut, ob sie chemisch oder elektronisch zustande gekommen sind, und wir haben in fast allen Fällen Recht gehabt.

STANDARD: Wird man andererseits vielleicht einmal der Digitalisierung nachweinen?
Aigner: Das wird so kommen. Die Herrschaft des digitalen Bildes wird auch einmal zu Ende gehen. Aber heute ist es natürlich die Form der Darstellung. State of the art.

STANDARD: Wie und wo sehen Sie sich Bilder gerne an?
Aigner: Ich schaue sie mir gerne sehr genau an, auch um zu sehen, wie sich Wahrnehmungsweisen verändern. Da fällt mir immer wieder auf, dass die Defizite zunehmen, und dass die Genauigkeit abnimmt. Wenn jemand etwa sagt: Ach, das tu ich schon nachher irgendwie reinpixeln, dann heißt das für mich, dass das genaue Hinschauen verloren geht.

STANDARD: Oder zumindest die Hochachtung vor dem "Original". Nochmals die Frage nach Ihren Bildquellen. Aigner: Das ist Verschiedenstes. Natürlich Fotobücher, aber auch Magazine, Zeitungen. Ich vergleiche, sagen wir, Bilder in der Neuen Zürcher mit denen in Le Monde . . .

STANDARD: . . . wo's nicht gerade viele gibt.
Aigner: Aber umso mehr interessiert mich die Auswahl. Wenn durch den Blickwinkel, den Ausschnitt, durch die Komposition die Sehweise des Fotografen sichtbar wird, das ist das wunderbar: Es ist die einzige Möglichkeit, den Blick des anderen sehen zu können. Das gilt auch für alte Bilder. Zum Beispiel mit den Augen des 19. Jahrhunderts das 19. Jahrhundert zu sehen, das ist etwas Faszinierendes.

ZUR PERSON
Carl Aigner zählt zu den avanciertesten österreichischen Theoretikern und Vermittlern der Fotografie. Geboren 1954, studierte er Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Kommunikations­wissenschaften in Salzburg und Paris. Seit 1989 lehrte Aigner an verschiedenen österreichischen Universitäten, 1994-98 an der Angewandten in Wien (Schwerpunkte Fotografie, Neue Medien und Gegenwartskunst). 1991 gründete er die Foto- und Kunstzeitschrift "Eikon" und ist seitdem ihr Herausgeber. 1997-2002 war er Direktor der Kunsthalle Krems, seit 2001 Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseum St. Pölten; 2000/2001 Projektleitung der Abteilung für Kulturwissenschaften an der Donauuniversität Krems. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen im In- und Ausland. (mf) Link
www.eikon.or.at
  • Carl Aigner zur digitalen Fotografie als Symptom froschreitender Beschleunigung: "Die Bildrezeption geht mehr in Richtung Provisorium, alles wird viel schneller weggespeichert und ersetzt"
    foto: matthias cremer

    Carl Aigner zur digitalen Fotografie als Symptom froschreitender Beschleunigung: "Die Bildrezeption geht mehr in Richtung Provisorium, alles wird viel schneller weggespeichert und ersetzt"

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