Ein Bild, das alles sagt . . . - Gespräch mit Kurator Erich Lessing

21. November 2005, 19:05
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"Die Qualität der Fotos ist ungeheuer gut" - Auszüge aus einem Gespräch mit dem Fotografen und Ausstellungskurator Erich Lessing über "16 Jahre Zeitgeschehen" im STANDARD

Kürzlich war ich in New York Zeuge einer langen Unterhaltung zwischen dem Bürochef von Magnum und Redakteuren von Newsweek: Die verwenden heute weniger Bilder, und diese Fotos haben dann weniger den Status einer eigenständigen Reportage, sondern sind mehr Illustration.

Ich denke, das gilt in den meisten Fällen natürlich erst recht für jene Einzelbilder, die in Tageszeitungen die jeweiligen Texte bebildern - die Frage ist da aber vor allem: Woher kommen die? Normalerweise von Agenturen wie Associated Press oder Reuters und manchmal von Fotografen der eigenen Zeitung.

Im STANDARD kommt zumindest das lokale Fotokontingent zu einem sehr hohen Prozentsatz von den eigenen Fotografen. Und das, was aus dem Ausland verwendet wird, ist aus meiner Sicht Resultat einer gescheiten Bildauswahl. Da wird offensichtlich nachgedacht: Was bedeutet das Bild und was ist es wert?

Rückblick. Ich habe jetzt gerade Bilder gesichtet für meine Monografie und eine Ausstellung über den Staatsvertrag im nächsten Jahr. Ich war ja von 1946 bis 1950 bei Associated Press, und ich habe aus dieser Zeit eine Menge Bilder gefunden, die - zumindest aus heutiger Sicht - zum großen Teil entsetzlich schlecht sind, einfach weil man damals de facto eine abbildhafte Fotografie verlangt hat und keine interpretative.

Da sitzt zum Beispiel der Wilhelm Furtwängler am Sofa und um ihn herum zwei Soldaten und zwei Frauen, wenn möglich alle mit abgeblitzten Käsegesichtern, und der Bildtext war: "Wilhelm Furtwängler, german conductor, talking to . . ." Das wurde damals so bestellt - und mehrere solcher Bilder ergaben eine Reportage.

Erst Mitte der 50er-Jahre haben wir, etwa bei Magnum, einen völlig neuen Stil entwickelt, der kompositorisch und inhaltlich viel besser ist - und das wirkt sich natürlich auch auf die Tageszeitungfotografie aus. Mittlerweile konzentriert sich fast alles in einem Bild. Ich denke an Matthias Cremers Bild vom Brand der Redoutensäle - das sagt alles. Die Geschichte mit den Feuerwehrmännern und nachher das Ausgebrannte, das kann man sich dazudenken.

Fotos gegen TV-Bilder. Man könnte nun fragen, ob das einzelne Zeitungsbild heute nicht zuletzt dazu benützt wird, sich zum Beispiel an andere Fernsehbilder zu erinnern. Mitunter arbeiten die Zeitungen ja auch schon mit Videoprints von TV-Sendungen. Wie überhaupt die Relation bewegtes und statisches Bild noch immer nicht so ganz durchschaubar ist: Gibt es da eine echte Beziehung? Geht das eine am anderen vorbei?

Die Theorie geht ja davon aus, dass das statische Bild viel eindrucksvoller ist. Aber vielleicht ist das nur eine von vielen schönen Theorien, von denen man nicht weiß, ob sie sich nicht jetzt mit dem Tod von Henri Cartier-Bresson von selbst erledigen werden. Trotzdem glaube ich: Wenn Sie dieselbe Situation im Fernsehen sehen und von einem Fotografen gemacht, ist sicher das fotografische Bild das wichtigere.

Verschwundene Bilder. Wobei, so wie sich die Fernseh- und Videobilder in den Archiven schnell wieder auflösen, sind mittlerweile auch die (digitalen) Fotos und Bilddatenbanken ein Risiko. Diesbezüglich brachten die vergangenen Jahre sicher eine technologische Revolution und zugleich Gefährdung.

Ein Beispiel nur: Ich sehe jetzt bei meinen Fotos zum Staatsvertrag, wo ich die Kontaktabzüge aus Paris kommen ließ: Ich habe Bilder gemacht, die ich nie gesehen habe.

Oder: Wie ich noch Bildredakteur vom Bildtelegraph war, kamen die Fotografen von einem Fußballmatch zurück, haben die Bilder entwickelt, mir gezeigt, ein paar ins Blatt hineingestellt, und dann wurde der Rest weggeschmissen. Aus ähnlichen Gründen gibt es zum Beispiel von der Unterzeichnung des Staatsvertrages keine Farbbilder, ich weiß, es wurde damals in Farbe fotografiert, nicht von mir, aber die wurden scheinbar kaum verwendet und dann weggehaut. Jetzt haut sich das alles selber weg.

Auswahlkriterien. Die Jury der Ausstellung 16 Jahre Zeitgeschehen - Anna Auer, Oscar Bronner, Adolf Frohner, Uwe Schögl, Robert Schindel und Eva Wagner - hat nach visuellen Kriterien ausgewählt, weniger vom Thema her. Und man sieht: Die Qualität ist ungeheuer gut, wenn man in ein Archiv von 16 Jahren von sechs oder sieben STANDARD-Fotografen hineinschaut, die in ihrem Stil jeweils sehr deutlich unterscheidbar sind.

Aber selbst wenn man nicht immer die besten und eindrucksvollsten Fotos nähme, würde man schon eine gute Dokumentation dieser letzten Jahre herausbringen. Man muss in historischen Zusammenhängen ohnehin furchtbar aufpassen, dass man nicht nur die "guten" Bilder nimmt, sondern man muss sagen: Das war zwar kein besonderes Bild, aber in der Situation war auch gar kein besonderes Bild möglich, das zeigt, was wir zeigen wollen, aber wir müssen es zeigen, weil es dokumentiert etwas.

Ich denke da nur an den Fall des Eisernen Vorhangs: Alois Mock, wie er dasteht und den Stacheldraht durchschneidet - kein berückendes Bild, aber eben doch ein wichtiges Dokument. Und manchmal ist man ja doch wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Sofort nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages haben die Russen die Zonengrenzen aufgehoben, und da gibt es ein Bild am Semmering von mir: Das russische Häusl mit dem russischen Soldaten daneben, der Schranken ist oben, und es fährt ein Citroën durch, leer. Ein historischer Moment von einer Öde und Langweiligkeit, die kaum zu überbieten ist.

Als Symbol beginnt so ein Foto erst Jahre später zu wirken. Oft wiederum ist der eine Kader, mit dem du alles erklären kannst, im Nachhinein nicht mehr da. Das ist der Fotografie überlassen, die ihr Auge daran geschult hat, was dem Fernsehen fehlt.

Fehlt in der Ausstellung was? Ja und nein. Manches stand einfach nicht zur Auswahl. Diese Lücke ist das Tägliche, es fehlt weit gehend die Architektur, es fehlt das Wohnen, Wohnkultur, es fehlt die Freizeitkultur. Es fehlt der Alltag. Es fehlt das gewöhnliche Außergewöhnliche. Denken Sie nur an das berühmte US-Bild von den vier Damen, die beim Friseur unter Trockenhauben sitzen. Das zeigt Amerika in den 60er-Jahren. So etwas fehlt mir - nicht nur im STANDARD.

Da könnte man neben der redaktionellen noch eine stärkere fotografische Linie entwickeln. Es muss ja - und das ist nur ein Beispiel - nicht sein, dass man Diskussionen über die Pensionsreform wirklich nur mit verhandelnden Politikern oder Menschen auf Parkbänken bebildert. Es gibt so viele Facetten im Alltag alter Menschen, und die könnte man durchaus bewusst suchen und dann auch in ihrer Vielfalt zum Einsatz bringen. Das Gespräch mit Erich Lessing führten Matthias Cremer, Markus Mittringer und Claus Philipp.

 

Erich Lessing, geboren 1923 in Wien. Emigrierte 1939 nach Palästina, Reporter der englischen Armee, kehrte 1947 zurück, arbeitete für die Agenturen Magnum und Associated Press, für Magazine und Illustrierte ("Life"). Österreichischer Staatspreis 1997.
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www.lessing-photo.com
  • Der große Fotograf Erich Lessing, Kurator der STANDARD-Ausstellung "16 Jahre Zeitgeschehen"
    foto: matthias cremer

    Der große Fotograf Erich Lessing, Kurator der STANDARD-Ausstellung "16 Jahre Zeitgeschehen"

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