Uni-Reform: Don't dream it, beam it?

19. Februar 2005, 14:56
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Wie die Rektoren mit dem Uni-Gesetz 2002 reingelegt wurden. Und was zu tun ist, um aus dem Schlamassel wieder rauszufinden - ohne methodische Anleihen aus der Sciencefiction - Von Karl Heinz Gruber

Die gegenwärtige Universitätskrise ist die fatale Folge einer Unterlassungssünde, die im Rahmen der Begutachtung des heuer in Kraft getretenen neuen Universitätsgesetzes begangen wurde. Die Rektoren haben es verabsäumt, das Ministerium und das Parlament zu einem Offenbarungseid zu zwingen. Anstatt den an vielen Instituten seit Jahren bestehenden Mangel an Personal, Räumen und Ressourcen als "Mitgift"" für die Autonomie zu akzeptieren und mit dem Inkrafttreten des Gesetzes die (bis dahin beim Ministerium liegende) Verantwortung dafür zu übernehmen, hätten die Magnifizenzen einen radikalen akademischen "Kassensturz" vornehmen müssen. Sie hätten die Implementierung des Gesetzes mit dem Verweis auf ihre akademische Redlichkeit und ihre Verantwortung für die Qualität von Forschung und Lehre und die Reputation der österreichischen Universitäten verweigern müssen, so lange folgende Fragen nicht geklärt sind:

1) Unter welchen, von Fach zu Fach variierenden Bedingungen (Hörsäle, Laborplätze, Bibliothek) und vor allem mit welcher Studierenden-Lehrenden-Relation können qualitativ hochwertige Lehre und Forschung erbracht werden?

2) Was ist auf der Basis von hochschuldidaktischen und wissenschafts-betriebswirtschaftlichen Kennzahlen die Kapazität jedes einzelnen österreichischen Universitätsinstituts?

3) Was hat zu geschehen, wenn die studentische Nachfrage die Kapazität eines Institutes überschreitet? Die Beantwortung dieser Fragen hätte alle Institute zu einer vielleicht unangenehmen, aber sicher aufschlussreichen Revision der Effizienz ihres Studienbetriebs gezwungen. Es wäre offensichtlich geworden, wo zum Teil schon seit Jahrzehnten eine unakzeptable Überlast existiert, die zu subversiven Praktiken ("cooling out"), Mogel-Lehrveranstaltungen (Proseminare mit mehr als 100 Studierenden) und jeder Menge studentischen Leids geführt hat.

Falsche Bilanzen

Natürlich gab es schon vor den jetzigen Hilferufen immer wieder "anekdotische Evidenz", dass sich Studierende um 3 Uhr früh um Seminarplätze anstellen müssen und in manchen Labors, die zum 50. Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josefs eröffnet worden waren, die Leitungen lecken. Notwendig gewesen wäre jedoch eine umfassende, seriöse, einem Rechnungshofbericht vergleichbare "Eröffnungsbilanz" des österreichischen Hochschulsystems. Sie hätte gezeigt, dass es manchen Instituten ganz gut geht, während andere, personell ausgehungerte in völlig inakzeptabler Weise "improvisieren" müssen (was leider genau das Gegenteil des englischen Wortes "improve" bedeutet).

Die Beratung dieses Berichts hätte unbedingt im Parlament erfolgen müssen und unvermeidlich zur Frage geführt: Soll in Österreich das Recht der freien Wahl der Studienrichtung und der Universität beibehalten werden? Vermutlich hätten manche Abgeordnete mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass die österreichische Studierenden-Quote weit unterhalb des OECD-Durchschnitts liegt, für Ja plädiert, während andere zumindest für übersubskribierte Massenfächer, für deren Absolventen sie schlechte Berufschancen vermuten, die Einführung eines Numerus clausus gefordert hätten. (Anwälte eines Numerus clausus hätten allerdings das Problem, dass seine Einführung unmöglich den einzelnen Universitäten oder Instituten überlassen werden kann und es selbst für die Entscheidung durch das Parlament keine verlässliche Arbeitsmarktprognostik gibt.)

An dieser Stelle hätten die Rektorenkonferenz aktiv werden müssen und sagen: Wenn wir in Zukunft im Rahmen der "Autonomie" die Verantwortung für die Effizienz und Qualität unser Hochschulen übernehmen müssen, dann werden wir unter keinen Umständen die ministeriellen Altlasten übernehmen und die Politik der Durchwurstelns mit unzureichenden Ressourcen fortsetzen.

Wenn das Parlament einen Numerus clausus ablehnt und auf dem offenen Hochschulzugang besteht, verlangen wir folgendes:

Gerechter Deal

a) Für jedes Universitätsinstitut ist die Kapazität seines "Ist-Zustands" zu errechnen. Wo, wie etwa bei der Wiener Publizistik oder der Innsbrucker Erziehungswissenschaft, eine krasse Unterversorgung besteht, hat die Beseitigung der Mängel vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes zu erfolgen.

b) Jedem Institut erwächst dann, wenn durch den verstärkten Zustrom von Studierenden sein spezifischer Kapazitäts-Kennwert überschritten wird, aufgrund des parlamentarischen Bekenntnisses zum freien Hochschulzugang automatisch ein Anspruch auf zusätzliches Personal und zusätzliche Ressourcen. Dabei handelt es sich um einen Rechtsanspruch, der für den Finanzminister verbindlich ist und um dessen Einlösung die Institutsvorstände kein "Theater" machen müssen.

Hätten sich die Rektoren rechtzeitig der Solidarität ihrer Professoren, ihres Mittelbaus und ihrer Studierenden vergewissert und hätten sie mit der gebotenen Entschiedenheit so oder ähnlich gehandelt, wären ihnen die jetzigen Zores erspart geblieben. Den beiden ministeriellen Masterminds dieser Reform, Sektionschef Höllinger und Prof. Titscher, kann man nur raten, ihrer Chefin klar zu machen, dass die Rektoren selbst mit bestem Management das Strukturproblem der freien Studienwahl nicht meistern können.

Es gibt allerdings noch eine Chance, die versäumte Bilanzwahrheit und die Kapazitätsberechnungen der Institute nachzuholen. Das Universitätsgesetz 2002 sieht so genannte "Leistungsvereinbarungen" zwischen dem Ministerium und den Universitäten vor. In Zukunft soll die Finanzierung der Institute an die Erreichung bestimmter Leistungskenndaten wie zum Beispiel die Zahl der Studierenden, die ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen, geknüpft sein.

Ohne klar ausgewiesene Kapazitäten der Institute und einer angemessenen (am OECD-Durchschnitt orientierten) personellen Ausstattung wäre jegliche Leistungsvereinbarung eine absurde Zumutung, selbst dann, wenn das Ministerium jedem Institut ein Megaphon für Vorlesungen in der Stadthalle schenkt und Prof. Zeilinger mit dem Projekt beauftragt, Professoren überlaufener Studienrichtungen wie den Wiener Publizistikprofessor Langenbucher gleichzeitig in zwei Hörsäle zu beamen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2004)

Karl Heinz Gruber war bis vor kurzem Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.
  • "Ohne angemessene personelle Ausstattung bleibt jede Leistungs- 
vereinbarung eine absurde Zumutung, selbst dann, wenn man Professor Zeilinger beauftragt, Professoren überlaufener Studienfacher gleichzeitig in zwei Hörsäle zu beamen."
    fotomontage: beigelbeck

    "Ohne angemessene personelle Ausstattung bleibt jede Leistungs- vereinbarung eine absurde Zumutung, selbst dann, wenn man Professor Zeilinger beauftragt, Professoren überlaufener Studienfacher gleichzeitig in zwei Hörsäle zu beamen."

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