Der längste Operntag

26. Dezember 2004, 22:25
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Premiere von Verdis "Don Carlos" an der Wiener Staatsoper: Regisseur Peter Konwitschny spaltet das Publikum

Bei der fünfstündigen Urfassung setzt Konwitschny auf Präzision, Humor wie Aktionismus.


Wien - Verkehrte Wiener Opernwelt: Da mutiert der kostenbewusste Operndirektor plötzlich zu jenem mutigen Mann, der vor dem Scherbenhaufen seiner laudatioverzierten Annäherung an die Politik steht und nun nach einer Schockphase der Enttäuschung droht, Schulden zu machen. Da man ihm - als Musterschüler der Holding - die nötigen Finanzspritzen vorenthält. Und: Dankbar nimmt er zur Kenntnis, dass Sponsorenhilfe (beim Ring des Nibelungen) gerade von jenem Unternehmen kommen wird, aus dem der Finanzminister stammt . . .

Zudem wirkt ziemlich verkehrt und nicht frei von Ironie, dass gerade selbigem Staatsopernlenker dieser Tage auch noch die Bonusehre zuteil wird, sich angesichts des neuen Don Carlos als weltoffener Advokat intelligenter Operndeutung fühlen zu können. Als Advokat, der ab nun gegen die reflexartig losrülpsende Premierenablehnung der intelligenten, witzigen und präzisen Version von Peter Konwitschny zu Recht als Irrtum aus dem Geist des Opernmissverständnisses argumentieren wird können.

Von einer verkehrten Welt zeugt auch die Ablehnung. Schließlich hat Peter Konwitschny bei der Auslegung dieser Urfassung von Verdis Schmerzenskind, das der Komponist selbst in dieser Fassung nie gehört hat, über weite Strecken konventionell agiert, die Bühne leergeräumt (Bühnenbild: Johannes Leiacker) und zwecks Klarheit alle Kraft auf die Durchdringung der Charaktere und deren Beziehungen verwendet. Zugänglicher und musikalischer geht es eigentlich nicht mehr.

Auch die zwei "Ausreißer" aus der Konvention (schon in der Hamburger Premiere 2001 zu sehen) sind nur eine belebend heutige Interpretation dessen, was im Stück von Konflikt zwischen Staatsräson, Machterhalt und Sehnsucht nach privater Selbsterfüllung angelegt ist.

Da wird das nie gespielte Ballett zu Ebolis Traum: Konwitschny entwirft eine witzige Pantomime, bei der Don Carlos und Eboli ein biederes 50er-Jahre-Pärchen sind, das Besuch von Philippe und Elisabeth bekommt. Der Abend entgleitet witzig: Der Truthahn verbrennt im Backrohr, unbemerkt bestellt Don Carlos kulinarischen Ersatz, um den Abend zu retten. Posas Pizzaservice liefert prompt. Köstlich. Auch das bisschen Theateraktionismus, das die Barrieren zwischen Bühne und Zuschauerraum, Pause und Aufführung sprengt, ist als durchaus der Abenddynamik dienende und Aspekte des Stückes verdeutlichende Möglichkeit zu verstehen.

Hallo Europa!

Da herrscht in der Pause ein bisschen makabres Opernballflair: Eine Fernsehmoderatorin grüßt Europa und kündigt die Ankunft des Königs an, verspricht auch zynisch eine unterhaltsame Ketzerverbrennung. Und tatsächlich werden einige Opfer durch die Gänge der Staatsoper gehetzt und geprügelt. Und ehe die Pause vorbei ist, spielt die Musik bereits wieder; der König steht im Parkett, grüßt und schreitet zu Klängen einer Publikumssymphonie aus Applaus und Buhs zum Fest auf der Bühne, bei dem es dann Flugzettel mit Erschießungsbildern regnet.

Das Frappante bei Konwitschny ist diese Vielfalt des Ausdrucks. Das Grelle und das Intime sind bei ihm in eleganter Balance, in einer einzigen Geste kann plötzlich Humoriges und Beziehungserhellendes aufleuchten; dabei wird die Tragik der Figuren und die Architektur ihrer Psychen nie irgendeiner Oberflächenwirkung geopfert.

Verkehrt ist bei diesem Abend allerdings auch, dass der sonst bei der Stimmenauswahl sichere Operndirektor diesmal vor allem solide wirkendes Handwerk engagiert hat und die meisten Protagonisten ein eher zu leichtes Material aufweisen. Ramón Vargas (als Don Carlos) beschert dem Abend Momente zartester Lyrik; es fehlt ihm allerdings insgesamt an nötigem Volumen, und seine Ausstrahlung ist außer sympathisch nur harmlos. Am besten schlägt sich noch Bo Skovhus (als Rodrigue), er entwickelt seine Töne aus der Rollengestaltung. Seine Kraftreserven reichen allerdings nicht bis zum Schluss.

Die Damen: Iano Tamar (als Elisabeth) kommt ganz gut über die Runden, ohne das Besondere liefern zu können; immerhin mit der nötigen Ausdrucksschärfe agiert Nadja Michael (als Eboli). Alastair Miles (als Philippe II) kann seiner engagierten, jedoch zu platten Rollengestaltung vokale Ausstrahlung nicht zur Seite stellen. Durchaus profund Dan Paul Dumitresku als jener Mönch, der schließlich Elisabeth und Don Carlos mit sich nimmt.

Dass man die Stimmen dennoch wirklich hörte, ist Dirigent Bertrand de Billy zu verdanken. Vom ersten Ton des Fontainebleau-Aktes an setzt er auf eine schlanke, fast asketisch-nüchterne Klangwelt, versagt sich jegliches Sentiment und lässt das weitestgehend präzise Staatsopernorchester nur in amourösen Augenblicken mit blumiger Klangpracht glänzen. Dass man für de Billy einiges von jenem den Regisseur erfassenden Unmut abzweigte, bleibt ungerecht. Aber es gab ja auch Begeisterung - schöne verkehrte Wiener Opernwelt. Wir wünschen uns denn auch noch mehr Konwitschny. Zur Beseitigung von Langeweile. Es sollte aber keine Dreiviertelübernahme einer Produktion aus Hamburg sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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    Ebolis (Nadja Michael) Traum, erdacht von Peter Konwitschny: zusammen mit Don Carlos (Ramón Vargas) in der Blümchentapetenwelt Zweisamkeit pflegen.

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