Lieber gar nicht als belanglos

21. November 2005, 19:05
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Robert Newald ist einer der wenigen Fotografen, die sehen und spüren, welche Fotos nicht gemacht werden dürfen

Newald war immer schon da. Es gibt solche Leute. Die waren schon da, sahen immer schon so aus und verändern sich auch nicht. Weder im Wesen noch im Alter. Auf Neumarketingsprech nennt man solche Leute dann "Marke". So jemand braucht keinen Vornamen. Nicht beim Marke-Sein. Darum - obwohl damals Ich-AGs noch nicht nervten - war Newald immer Newald. Ohne Vornamen. Aber eine Instanz.

Es war fast in einem anderen Leben. Vor etlichen Jahren: Ein doppelter Polizeikordon stand da um ein besetztes Haus in Mariahilf. Für andere Städte wäre das läppisch gewesen - für Wien war es eine große Sache: Aus den Fenstern fielen ein paar Gegenstände, die Exekutive bulldozerte durch die Tür. Von einer Wohnung vis-à-vis verfolgte ein Häuflein Journalismusfrischlinge, Studenten und Freizeit-Punks das Treiben - und einen dicken Mann in schwarzem Outfit, der sich mit Kamera, ohne Furcht vor beiden Seiten, unbehelligt und alleine im Niemandsland aufhielt. "Wer ist das?" - "Na der Newald halt!"

Bis dahin hatten Namen unter Fotos keine Rolle gespielt. Aber Newalds Bilder fielen auf. Und brachten mir ein bisserl das Sehen bei: Newald illustrierte nicht einfach Printstorys - er erzählte immer seine Geschichte. Jedes Bild hatte einen Standpunkt - ein Statement, aber ohne zu missionieren. Ich mochte das.

Es dauerte dann etliche Jahre, bis ich das erste Mal mit Robert Newald arbeitete. Wann und wo? Keine Ahnung. Im Autobahnkilometergeschäft Tageszeitung sucht man sich den Fotografen selten aus: Schreiber und Knipser werden - grosso modo - nach Verfügbarkeit zusammengewürfelt. Das muss nicht immer gut gehen: Gerade das, was Betrachter an Newalds Bildern schätzen, kann im Job zu Flüchen und Tränen führen.

Obwohl ich selbst (bisher) Glück hatte: Geschichten vom missmutigen Fotografen, der schwierige Interviewpartner mit der grantigen Frage "Wer sind Sie?" vergrätzt oder eine schmächtige Autorin mit einem gegen den Solarplexus gerammten Kaffeehaustisch im Wortsinn vor der Linse fixiert, erzählen immer nur die anderen. Aber selbst die anerkennen, dass Newalds Qualität - Bilder abseits der Beliebigkeit - mitunter ihren Preis hat: "Ich bemühe mich, die Dinge so darzustellen, wie ich sie empfinde - und manchmal sind sie halt einfach fad", gibt der Fotograf selbst zu.

Nicht jedes Mal - etwa wenn es heißt, eine Podiumsdiskussion abzubilden oder wenn der fünfmillionste Auftrag kommt, Bilder über Migranten innerhalb weniger Stunden abzuliefern - habe man so viel Glück (oder Zeit), warten zu können, bis etwa eine verschleierte Frau mit ihrem Kind am Yppenplatz Fußball spielt. Und wenn der Auftrag lautet, eine öde Baustelle zu fotografieren, findet sich nicht immer ein Kran oder ein Gerüst, von dem aus ein den Arbeitern Unbekannter sein Bild suchen darf. Aber obwohl es genügen würde, auf Straßenniveau abzudrücken, sucht Newald. Nicht "trotzdem", sondern "weil".

Mit Robert Newald zu arbeiten ist nicht einfach: Ein Fotograf, der sich weigert, Bilder aus der (auch ökonomisch) ungefährlichen Belanglosigkeitsperspektive zu schießen, ist manchmal anstrengend. Einer, der - obwohl er doch weiß, dass Bilder von Not und Verzweiflung am besten "funktionieren" - die Kamera just dann aus der Hand legt, wenn er spürt, jene Grenze zu überschreiten, an der die von ihm Porträtierten ihre Würde verlieren, stellt den, der mit ihm arbeitet, täglich auf den Prüfstand. Und zu behaupten, diese Prüfung auch jedes Mal bestanden zu haben, wäre eine glatte Lüge. (Thomas Rottenberg; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

ZUR PERSON:
Robert Newald, geboren 1956 in Klosterneuburg, stellte 1979 seine ersten Fotos aus. 1985 meldete er das Gewerbe des Pressefotografen an. Seit 1989 im Fototeam des Standard, ist Newald seit 1992 auch Lektor am Institut für Publizistik der Uni Wien.
  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
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