Selbstporträts mit Hämatom

21. November 2005, 19:05
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Heribert Corn entdeckt in den Defekten den eigentlichen Charakter seiner Bildobjekte. Der gewählte Blickwinkel ist nie denunziatorisch

Möglicherweise kommt das ja von seinen ursprünglichen Berufen her: Der Mann liebt Hände. Er vertraut ihnen im Zweifel als Motiv mehr als dem Gesichtsausdruck. Gesichter können lügen, Hände nicht. Immerhin ist Heribert Corn nicht nur gelernter Tischler und Krankenpfleger. Er ist also das Zupacken gewohnt.

Man wird den 40-jährigen Exilvorarlberger, der lange Jahre auf der Aidsstation Baumgartner Höhe arbeitete und diesbezüglich von seinen „prägendsten Jahren“ spricht, weiterführend auch kaum einmal ohne ölverschmierte Pranken bei einem Fototermin antreffen. Das ist ihm zwar immer etwas peinlich. Aber eben immer nur ein bisschen. Über Holz und kranke Menschen führte ihn sein Weg während der letzten Jahre nicht nur zur Fotografie. Er führte ihn auch zu den Motorrädern. Beide Themen sind als Berufung anzusehen. Und auch hier gilt es, der Hinfälligkeit der Welt mit Handanlegung beizukommen.

Corn beschäftigt sich nicht etwa mit starken, kräftigen und verlässlichen Zweirädern. Seine Liebe gilt den Schwachen. Historische britische Militärmaschinen wie ganz arme Gefährte aus dem Hause BSA, oder auch zu einer an guten Wochenenden durchaus einmal ohne Defekt am und im Stück bis zu einhundert Kilometer weit kommenden Rennmaschine Ariel, Baujahr 1928. Von alten Vespas und einer Beiwagenmaschine, in der kein lebensfroher Mensch freiwillig mitfahren will, gar nicht zu reden. Im Detail steckt der Teufel. Und es steht und fällt darüber nicht nur eine Ariel oder BSA. Auf den richtigen Blickwinkel ins Getriebe des Daseins kommt es Corn auch bei seinen Fotoarbeiten an. Das Getriebe ist zwar im Rahmen montiert. Wenn eine Schraube locker sitzt, muss man aber von der Totalen zum Close-up wechseln:

„Bei Porträts interessiert es mich überhaupt nicht, ob jetzt der Kopf gerade auf dem Körper sitzt oder ganz zu sehen ist. Mir geht es mehr darum, ein Gesamtbild aus dem zu entwickeln, was aus dem eigentlichen Rahmen fällt.“ Ex-Monthy-Python Michael Palin war daher beim Fototermin mit Corn extrem verunsichert. Dieser fotografierte anfangs wie besessen nur Palins Füße, worauf dieser meinte: „Entschuldigung, dass ich von denen nicht mehr habe!“ Harte Schnitte, Schräglage, extremer Weitwinkel – und nach dem tausendsten Porträtfoto von nichts sagend posierenden, in Anzug und Krawatte oder adretten Kostümen steckenden Spitzen aus Politik, Wirtschaft und Kultur immer wieder: Hände. Hände als jene Körperteile von heute so genannten Medienprofis, mit denen man trotz Schulung im Umgang mit Bildmedien nie ganz lügen oder zumindest etwas vortäuschen kann.

Alltagsbetrachtungen finden deshalb nur statt, wenn die Perspektive einen Blick auf das Ungewöhnliche, das Defekte, das Unperfekte erlaubt. Das hat rein gar nichts Denunziatorisches an sich. Heribert Corn kratzt nur aus der Realität das hervor, was heute gern mit Photoshopund Spin-Doctor-Programmen kaschiert wird. Corn weiß, was er an Händen als Motiv hat. Wie gesagt: Immerhin macht er sich diese auch gern selbst schmutzig.

Nur für die Ausbeutung von Leid und Unglück der Menschen und allem anderen, was den Boulevard so ausmacht, ist Corn nicht zu haben. Dafür hat er als Aidspfleger zu viel gesehen und erlebt. Härte gegen sich selbst und andere zeigt Corn nur bei zwei weiteren Hobbys. Er lässt sich an Wochenenden gern als Mitglied des eher erfolglosen Eishockeyvereins „Aktionsgemeinschaft Gummieisbären“ über das Eis jagen. Was immer wieder zu interessanten Arztbesuchen und Selbstporträts mit Hämatom führt. Und er hegt eine merkwürdige Hassliebe zu Hunden und deren Schmutz. Er kann und will sich diese zwar selbst nicht erklären. Weil „Hunderln an sich“ ja „eh total liebe Viecherln“ seien: „Wenn sie bloß nicht auf den Gehsteig machen würden.“ Mit den über Jahre und Jahrzehnte gemachten Aufnahmen von Vierbeinern und ihren Häufchen sei aber noch immer eine große Altersausstellung geplant. (Christian Schachinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

ZUR PERSON:
Heribert Corn wurde 1964 in Feldkirch geboren. Er arbeitete bis 1998 als Aidskrankenpfleger in Wien. Seit 1996 ist der Autodidakt für den Falter tätig. Seit 1999 arbeitet er beim Standard. Zuletzt zeigte er Fotos aus Uganda im Parlament.
  • Artikelbild
    foto: christian fischer
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