Den subjektiven Spiegel vorhalten

21. November 2005, 19:05
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Wo Platz ist, über die Welt nachzudenken, ist Platz für Andy Urban. Er sucht ein unbewusstes Charakteristikum des Porträtierten

Lobby des Hotels im Palais Coburg in Wien: Warten auf den Nobelpreisträger. Für das Interview zu den neuesten Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Polymerase-Kettenreaktion hatte das Pressebüro nur eine halbe Stunde veranschlagt. Eifriges, letztes Durchlesen der Fragen, markieren, welche auf keinen Fall fehlen dürfen. Der Nobelpreisträger werde sich um fünf Minuten verspäten, gibt die Dame an der Rezeption bekannt.

Stattdessen betritt Andy Urban die Hotellobby. Erleichterung. Er setzt sich, bietet mir eine Zigarette an, gibt uns Feuer und fragt mit jenem müden Blick, hinter dem das Ende eines langen Tages steht: "Und?" - "Was würdest Du sagen, wenn sich das Leben binnen kürzester Zeit fast beliebig vervielfältigen ließe, und alle Krankheiten geheilt werden könnten?", frage ich ihn ohne Umschweife zur Erfindung unseres zu interviewenden Nobelpreisträgers gegen. Andy überlegt, runzelt die Stirn und die Augenbrauen, schaut etwas besorgt, und gibt dann die verblüffende Antwort: "Ich würde nach Kanada fahren. Und mir die Landschaft dort anschauen. Für mich ist das ein Teil des Lebens an sich: die Ruhe des Landes. Wenn ich du wäre, dann würde ich ihn fragen, was er vom Leben überhaupt hält. So wirklich gescheite Leute sind oft die normalsten Menschen überhaupt."

Der Nobelpreisträger verspätete sich in Tat und Wahrheit um eine ganze Stunde, die Andy und ich sprechend und zigarettenrauchend in der Lobby verbrachten. In dieser Stunde nahm Andy mir die Nervosität, die einem eine komplexe und noch dazu unmittelbar bevorstehende Aufgabe auflädt, von den Schultern.

Dabei war das Gespräch beileibe kein Sonntagsspaziergang, bei dem es leichtfüßige, poetische Gedanken weht. Vielmehr war es der Versuch, über größere und kleinere Dinge zu kommunizieren - was manchmal in Allerweltsaussagen mündete, manchmal jedoch interessant war. "Es gibt zum Beispiel so viele Kriege", sagte Andy, "aber wenn ich Kriege fotografieren würde, dann würde ich nicht unbedingt die grausame Besinnlichkeit des Vaters, der inmitten einer blutigen Szenerie seinen soeben ermordeten Sohn beweint, als Motiv wählen. Es ist ja nämlich eigentlich so, dass die mediale Bilderflut die Fotografie befreit hat." Denn Pressefotos können heute die Geschichte, die sie illustrieren sollen, auch mit anderen Mitteln erzählen, meinte er. Natürlich sei der Rhythmus von Kriegstrommeln ein anderer als der Modus Vivendi des Friedens. In Friedenszeiten aber müsse ein Foto zu einer Geschichte über Baustellen keine Baustelle zeigen.

Wo Platz ist, über die Welt nachzudenken, ist Platz für Andy Urban. "Ich will den Leuten einen Spiegel vorhalten", sagt er: "Wobei ... das ist natürlich alles sehr, sehr subjektiv." Der Blick durch die Fenster zweier aneinander vorbei fahrenden Straßenbahnen. Das Bild der alten Frau, die nachts allein mit ihrem Hund spazieren geht. Elfriede Jelinek, die Christoph Schlingensief dabei beobachtet, wie er bei seiner Containeraktion Ausländer raus über ein Megaphon die Menge mit den Worten "Peter Marboe liebt mich. Wir haben uns umarmt" aufstachelt. "Ich suche da fast etwas Kindliches, ein Charakteristikum - vielleicht etwas Abgründiges oder etwas Liebes - dessen sich die Leute vielleicht auch gar nicht bewusst sind, das sie aber haben", erklärt Urban.

Die Ruhe, wie er sie sich von der der kanadischen Landschaft erhofft, findet er dabei nicht. Vielmehr den Witz. Wie bei dem älteren Paar, das eine jüngere Frau nur scheinbar beim Schaufensterbummel beobachtet. In Wirklichkeit ist es viel mehr mit sich selbst beschäftigt: Sie greift ihm auf den Po.

Das Interview nach dem Gespräch in der Hotellobby war von jener konzentrierten Entspanntheit, wie sie besser nicht sein kann. Urban machte Fotos von einem enthusiastischen Mann, dem die Begeisterung für sein Wissensgebiet ins Gesicht geschrieben steht. Die Fotos waren, wie ich sie mir vorgestellt hatte, und sie waren genau wie Urban: Beim Interview war er der dritte Partner in einem Gespann, dessen Linie er begriffen hatte, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. (Eva Stanzl; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

ZUR PERSON:
Andy Urban ist 1964 in Wien geboren. Mit 14 Jahren begann er, zu fotografieren. Danach folgte eine Lehre als Werkzeugmechaniker und danach Jobs als Servicetechniker und Kellner, bis er ab 1990 von der Fotografie leben konnte. Seit 1991 gehört Urban zum fixen Fototeam des Standard.
  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
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