Tests am Menschen in fünf Jahren

22. Oktober 2004, 18:18
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"Wissenschaft lernt ge­rade, wie Stammzellen in verschiedene Zellen ver­wandelt wer­den kön­nen", argumen­tiert Ian Wilmut für das Klonen

In fünf Jahren frühestens könnten die ersten klinischen Tests zur Therapie mit embryonalen Stammzellen starten, sagte Ian Wilmut, einer der schottischen Schöpfer der Klonschafs Dolly: "Wir können es heute noch nicht gut genug. Die Wissenschaft lernt gerade, wie Stammzellen gezielt in verschiede Zellen verwandelt werden können. Bis dahin ist es zielführend, sie durch Klonen zu gewinnen, um ihre Anfälligkeit für Erbkrankheiten zu testen."

Es geht dem Forscher um eine Therapie für die tödliche Nervenzellerkrankung ALS (Amyotrophische Lateralsklerose), bei der bestimmte Nervengruppen plötzlich nicht mehr funktionieren. Zu ihren berühmtesten Opfern zählt der gelähmte britische Physiker Stephen Hawking. "Wir wollen menschliche Embryonen klonen und diese eine Woche alt werden lassen", erklärte Wilmut beim STANDARD-Montagsgespräch im Wiener Haus der Musik.

Die DNA von Haut- oder Blutzellen von Patienten, die ALS geerbt hätten, würde in entkernte Eizellen, die bei der künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind, injiziert. Das Ergebnis seien ALS-anfällige Eizellen, "aus denen wir Stammzellen gewinnen." Die daraus entwickelten Nervenzellen ließen sich kostengünstig mit normalen Organismen vergleichen und Medikamente könnten besser getestet werden. Dies sei diese Art von Klonen beim Menschen, die er befürworte, sagte Wilmut.

Die Wiener Molekularbiologin Renée Schroeder befürwortete das therapeutische Klonen nicht, die Stammzellenforschung, die in Österreich verboten ist, aber schon. "Es geht um Grundlagenforschung. Wir wissen nicht, was die Anwendung sein wird, denn dazu müssen wir die embryonalen Stammzellen erst erforschen." Und diese seien "wertvoll", weil gespendete Eizellen, die hormonelle Stimulierung und einen chirurgischen Eingriff bei der Frau erfordern, dazu gebraucht würden. Jedoch sollten die Eizellen, die nicht für eine Schwangerschaft verwendet würden, für die Forschung freigegeben, und nicht, wie derzeit, nach einem Jahr vernichtet werden.

"Ich glaube nicht, dass man aufgrund einer Zelle die genetische Ursache für ALS finden wird", gab Markus Hengstschläger, Genetiker am AKH, zu verstehen: "Es gab schon viele Stammzellenmodelle von Krankheiten, und wir wissen trotzdem nicht, ob die Tiermodelle auf den Menschen übertragbar sind." Im Unterschied zu Wilmut ist dieses Nichtwissen jedoch für Hengstschläger ein Grund, "embryonale Stammzellenforschung aus heutiger Sicht" abzulehnen: "Wir sollten keine Erlaubnis des therapeutischen Klonens anstreben." Adulte Stammzellen seien eine brauchbare Alternative.

Keine Beweise

"Die Argumentation wundert mich", entgegnete Schroeder: "Es muss also vorher bewiesen werden, dass es keine Alternativen gibt. Aber man kann nichts beweisen, wenn man keine Experimente machen darf." Sie sprach sich für die bewilligungspflichtige Grundlagenforschung mit Stammzellen aus, die auf der Basis der Qualität der Fragen gewährt werden sollte. - "Ich würde das für kein anderes Experiment verlangen", rechtfertigte sich Hengstschläger, "aber ich glaube, dass der Embryo, der zerstört wird, individuelles Recht auf Leben hat."

"Der Professor scheint embryonale Stammzellenforschung aber nicht völlig zu verurteilen", mischte sich nun Wilmut ein. "Der Standpunkt scheint zu sein: Jetzt noch nicht. Ich frage: Warum warten? Seien wir lieber ehrgeizig und versuchen wir, herauszufinden, welche Krankheiten wir so schnell wie möglich behandeln können."

Für Philosophin Herlinde Pauer-Studer ist therapeutisches Klonen vertretbar. "Wenn wir Regelung A - künstliche Befruchtung, bei der Embryonen übrig bleiben - erlauben, ist auch die resultierende Regelung B vertretbar. Man ist ja bereits implizit der Ansicht, dass Embryos im frühen Stadium kein Recht auf Leben haben, weil man bereit ist, sie zu vernichten."

Sicht der Politik

Die Sicht der Politik: In der Novelle zum Fortpflanzungsmedizingesetz müsse das reproduktive Klonen explizit verboten werden, betonte Eva Glawischnig, Umweltsprecherin der Grünen: "Die daraus resultierenden Beeinträchtigungen sind an geklonten Tieren sichtbar geworden." Die Möglichkeit des therapeutischen Klonens müsste man sich hingegen offen halten. So lange "die Abtreibung bis zum neunten Monat straffrei ist, wenn die Möglichkeit eines behinderten Kinds besteht, erschient es mir nicht vertretbar, das therapeutische Klonen zu verbieten.

Erwin Rasinger, Allgemeinmediziner und ÖVP-Gesundheitssprecher: "Wie soll ich als Politiker wissen, wofür ich bin, wenn Top-Experten keinen Konsens finden? Ich frage mich, wie groß der Nutzen ist. Die Forschung mit embryonalen Stammzellen ist teuer, die Ergebnisse eingeschränkt." Die Diskussion um Ethikfragen beim Klonen sei eine "Ethik der Reichen". (Eva Stanzl/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2004)

  • Ian Wilmut
    foto: michael stephens

    Ian Wilmut

  • Renee Schröder (Wissenschafterin des Jahres 2003) in einem Labor in Wien.
    foto: roland schlager

    Renee Schröder (Wissenschafterin des Jahres 2003) in einem Labor in Wien.

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