Auf der Jagd nach flüchtigen Bildern

21. November 2005, 19:05
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Man darf bei Christian Fischer keine Gebäude in Auftrag geben. Aber wenn es um Porträts geht, ist er jeder Situation gewachsen

Bilder verschwinden. Dem Fotografen bleibt nur, sich zu beeilen. Für Christian Fischer heißt das, zwischen der Hofburg und dem Flex, hin- und herzueilen, Iggy Pop live in Wiesen festzuhalten, den richtigen Moment zu erwischen, um den Dalai-Lama zu treffen, oder die richtige Distanz beim Begräbnis Max Weilers zu wahren.

Man sieht schon: Es geht um Menschen. Gebäude interessieren Fischer nicht: „Die kommunizieren nicht. Und außerdem habe ich keine Lust, einen ganzen Tag lang an einem Bild zu arbeiten!“ Fischer braucht ein Gegenüber das sich austauscht. Egal, wie. Sprachlich, gestisch, mit Blicken oder via Inszenierung. Wenn er etwa nach zehn Jahren wieder einen Termin bei Elfriede Jelinek wahrnimmt und merkt, dass sich in deren Haus absolut nichts verändert hat, dann ist das schon bezeichnend – und hilft dabei, sich ein Bild zu machen. Entscheidend dabei, Menschen zu porträtieren, ist dennoch Abstand. Es ist unabdingbar ,„auf das Gegenüber nicht emotional zu reagieren“.

Dann hat man die Situation mit der Diva ebenso im Griff, wie den Verhaltenen, den Schauspieler und somit Profi vor der Kamera ebenso wie den Bibliothekar oder den Naturwissenschafter, die womöglich nach Jahrzehnten erstmals ans Licht kommen. Und dann auch noch gleich in jenes der Öffentlichkeit. Und: Christian Fischer ist souverän im Umgang mit sich anbahnenden Krisen. Ein Beispiel: Lord Snowdon war 2001 im Kunsthaus Wien zu Gast, ein Interviewtermin im Anschluss an die Pressekonferenz angekündigt. Und es hieß „Der Lord ist grantig!“, oder wie man bei einem Lord wohl eher sagt „gereizt“. Zudem war seine Lordschaft müde, und ebenso hungrig wie durstig. Egal, die Sache kam ins Laufen. Ich wurde – noch unbefischert – zu zwei bilderbuchenglischen Herren an den Mittagstisch geleitet, erkannte im zart exzentrischeren der beiden sofort den Lord und begann in aller gebotenen Eile, meine Fragen zu stellen. Er antwortete zögerlich aber doch. Und das ging eine ganze Weile auch gut so. Bis nämlich dann der von mir links liegen gelassene Zweite sich räuspernd zu Wort meldete, sich als Lord Snowdon vorstellte – und auch etwas gefragt werden wollte. Ich hatte den Kurator der National Portrait Gallery geadelt.

Der echte Lord Snowdon begann dann so: „Die Kamera ist ein extrem aufdringliches Instrument. Sie darf nur mit äußerster Vorsicht eingesetzt werden. Die Leute verhalten sich anders, wenn jemand eine Kamera dabei hat. Ich bin gegen alle Fotos, die mit einem Teleobjektiv aufgenommen werden, gegen alle Fotos, wo die Leute nicht damit rechnen müssen, dass sie aufgenommen werden.“ Dann kam Christian Fischer wie immer mit langen Brennweiten bewaffnet. Und das Interview verlief wie folgt:

Mittringer: Ist seine Brennweite zu lang?
 Snowdon: Ja, und die Kamera hat einen Motor!

Fischer: Und Sie haben eine kleine Leica?
Snowdon: Nein, die ist mir zu teuer. Ich verwende eine kleine Contax. Nur selten größere Fotoapparate, aber fragen Sie mich nicht, wie die heißen, ich mag sie nicht. Ich mag überhaupt keine Kameras.

Mittringer: Und damit machen Sie typische Snowdon-Fotos?
Snowdon: Wenn die Leute sagen, sie erkennen ein Foto am Stil, wenn sie sagen, sie erkennen, dass es von mir ist, dann habe ich einen Fehler gemacht. Ich bin anonym, Fotografen sind völlig unwichtig. Es soll über die Person erzählen, nicht über den Fotografen.

Fischer: Können Sie sich umsetzen? Das Licht ist schlecht.
Snowdon: Das heißt, Sie verwenden keinen Blitz?

Fischer: Niemals!
Snowdon: Good!


Fischer: Fühlen Sie sich jetzt wohl?
Snowdon: Nein, es ist ganz entsetzlich, ein Interview zu geben und gleichzeitig fotografiert zu werden. Das raubt jede Konzentration.

Fischer: Für den Fotografen ist es aber besser!
Snowdon: Nur weil man Sie dann wahrnimmt mit Ihrem großen Apparat! Und wenn man so etwas einmal gemeinsam durchgestanden hat, bleibt nur festzustellen: Das verbindet. Und in Zukunft kann eigentlich gar nichts mehr passieren, bei Interviews oder Konzerten, davor oder danach. (Markus Mittringer; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

ZUR PERSON: Christian Fischer, geboren 1963 in Wien. Er ist seit seit 1988 selbstständiger Fotograf. Erste Veröffentlichungen im „Falter“. Seit 1990 ist er im Fotografenteam des Standard.
  • Artikelbild
    foto: matthias cremer
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