Blick auf eine in sich ruhende Insel

21. November 2005, 19:05
posten

Das Foto zeigt nicht immer die Wirklichkeit. Manchmal zeigt es die Ruhe, die Menschen innewohnt. Zumindest bei Regine Hendrich

Regine Hendrich vermittelt als einzige der STANDARD-Fotografen das Gefühl, dass sie gerne Montagsgespräche fotografiert. Montagsgespräche finden, wie der Name schon sagt, montags statt. Es handelt sich um öffentliche Podiumsdiskussionen – soll heißen: Die Diskutanten müssen für das Publikum gut hörbar und gut sichtbar sein. Jeder Experte sitzt daher hinter einem weiß bedeckten Bistrotisch, komplett mit Mikrofon und einem Namensschild, das sogar noch in den hintersten Reihen gut lesbar ist. Hinter ihnen die Logos der Veranstalter, über ihnen punktuell ausgerichtete Halogenleuchten. Und trotzdem sind die Fotos gut. „Wenn das Motiv wenig hergibt, dann muss man sich halt etwas suchen, was einen interessiert“, sagt Hendrich unkompliziert: „Bei Podiumsdiskussionen ist es interessant, weil wie verschiedene Auftritte im selben Akt: Die Szenerie ist immer gleich, nur die Personen ändern sich.“ Hendrich beobachtet dann Hände, Zähne, meist aber das ganze Gesicht. Gesichter beobachten schafft Menschenkenntnis. Wobei es dabei nicht nur um die Physiognomie geht, sondern um das ganze Wesen einer Person, „was sie wie ausstrahlen“.

Jedoch: „Da kann man sich auch irren. Die interessantesten Gesichter können den banalsten Menschen gehören“, sagt sie. Und lacht. Das wäre wohl der Punkt: Das Foto zeigt nicht unbedingt die Wirklichkeit. Auch das Gesicht eines langweilig erscheinenden Modells kann Bände sprechen.

Oder auch umgekehrt, wenn ein angespanntes Gesicht erst auf dem Foto zu sich zu kommen scheint. „Bei Vivienne Westwood waren an die 20 Fotografen“, erinnert sich Hendrich, „und obwohl man sah, dass sie das gewohnt war, machte es sie nervös. Sie versuchte sich zu konzentrieren, und schließlich gelang es ihr auch. Ich blieb noch da, als meine Vorgänger schon weg waren, der Druck ließ langsam nach.“ Das Foto zeigt eine alte Frau, die in sich ruht – im Blick eine Gelassenheit, die Resignation wäre, hatte die Frau ihren Kampfgeist aufgegeben. Regine Hendrich sucht nicht Ruhe, sie findet sie.

Wie auch beim Life Ball. Inmitten des Saals voll Publikum schreiten La Cicciolina und Jean-Paul Gaultier wie eine Art schwebende Insel über den Laufsteg – im Saal die neugierige Spannung, bei den Auftretenden jene Gelassenheit, die Anmut zur Folge hat – sie mit sich eins, er stolz. Sogar einen Postraub kann Hendrich mit aller Bedächtigkeit fotografieren – die Tatwaffe, sonst nichts. Wobei: „Es war fast nichts mehr los, als ich dort ankam“, erzählt sie, und: „Die harten Jobs – Einbrüche, Schießereien, Demos – das machen meistens die Jungs.“ „Die Jungs“, das seien die STANDARD-Fotografen, und um Gewaltmotive beneide sie die nicht, sagt Hendrich. Und sie vertieft: „Als allein erziehende Mutter zweier Kinder könnte ich es fast so formulieren, dass der Job für mich wie eine Art Entspannung ist. Ich gehe zwar jeden Tag woanders hin und mache etwas anderes, und auch im Job will jemand etwas von mir – aber nicht so direkt.“

Die „Entspannung“ kann durchaus auch durch Mark und Bein gehen – in Flüchtlingslagern etwa, oder im Frauenhaus. Es sei „viel leichter“, jemanden in einer für ihn guten Lebenssituation zu fotografieren – obwohl Menschen in misslichen Lagen oft dramatischere Geschichten ins Gesicht geschrieben stehen. Denn: „Den Weg zwischen Mitgefühl und Abgrenzung zu finden ist eine harte Aufgabe.“

Hendrich erinnert sich an eine Session mit Maria Schneider, die mit Marlon Brando im Film Der letzte Tango in Paris gespielt hatte. Die Schauspielerin, der die Zurschaustellung ihres Körpers im Film zur Last geworden sein soll, hatte Zeit in einer Nervenklinik verbracht. „Sie sah völlig verändert aus und wollte höchstens in Schwarz- Weiß fotografiert werden“, erzählt Hendrich: „Ich wechselte den Film vor ihr, und meine Hände zitterten, wegen dieser Vergänglichkeit. Du kannst nichts aufhalten, selbst wenn die Fotografie das so will, indem sie den Moment festhält.“ (Eva Stanzl; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

ZUR PERSON:
Regine Hendrich ist 1964 in Graz geboren. Sie absolvierte die Meisterklasse der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Seit 1989 ist sie selbstständige Fotografin und seit 1990 im Team des Standard.
  • Artikelbild
    foto: heribert corn
Share if you care.