Der Blick für die andere Geschichte

21. November 2005, 19:05
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Für Rudolf Semotan ist die Politik eine himmlische Spielwiese voller ungewöhnlicher Blüten

Das Schöne an den Fotos von Rudolf Semotan ist, neben ihrer handwerklichen Außergewöhnlichkeit, eine erstaunliche narrative Hinterfotzigkeit: Die Bilder, die er uns zeigt, erzählen immer eine andere Geschichte als die, die das Dargestellte meint, genauer: die uns die Dargestellten erzählen wollen. Da hat einiges mit Suchen und Finden zu tun, viel damit, dass da einer genau weiß, was er sucht und uns immer wieder mit dem Gefundenen überrascht.

Für einen Fotografen, der die Politik mit solcher Hingabe festhält wie Semotan, tut sich jeden Tag eine himmlische Spielwiese auf. Denn gerade auf einem Gebiet, das den Protagonisten – ich will sie nicht Semotans Opfer nennen, das wäre zu martialisch und spräche der Zärtlichkeit Hohn, mit der er sie verfolgt – so wenig choreografischen Spielraum gibt, entwickelt jede unbedachte Geste eine Eigendynamik, die immer das andere meint. Sie ist kaum einmal gewollt, und das macht uns Betrachter so froh, weil wir dahinter die tiefere Kraft des Zufalls, des Unkontrollierten und Unkontrollierbaren entdecken, die unsere sehr begrenzte Fähigkeit offensichtlich macht, die äußerlichen Dinge unseres Seins stets so im Griff zu haben, wie wir es wollen. Das sieht man an den anderen naturgemäß lieber als an sich selbst, umso mehr, wenn man täglich mit ihnen zu tun hat und von ihnen fast immer an der Nase in ihre Richtung geführt wird.

Der flotte Schritt des Kanzlers, der die Stufen zur Macht ebenso im Sturm genommen hat wie nun die zur Rednertribüne im Wahlkampf, kann, beispielsweise, von der konzentrierten Spannkraft, mit der er die Aufgabe angeht, bis zur Erleichterung, endlich in einem neuen politischen Leben angekommen zu sein, alles wiedergeben, was eine Existenz an der Schnittstelle öffentlicher Aufmerksamkeit und realer Gestaltungsmöglichkeit bestimmt und kennzeichnet.

Die Hilflosigkeit dreier Freunde, die es gemeinsam von der Regierungs- auf die Anklagebank geschafft haben, kommt an einem Abgrund zum Stillstand, der sich harmlos als Richtertisch getarnt hat: Beides, der Elan und die gebrochene Antriebsfeder, verweist auf die Energie, die Menschen in die Politik treibt und in ihr antreibt, und genau die hat Semotan immer wieder in allen kinetischen Erscheinungsformen auf, man möge dieses Klischee verzeihen, aber hier passt es ausnahmsweise, Platte gebannt.

Für Semotans Kunst ist es symptomatisch, dass sie sich nie über ihre Objekte lustig macht und sie damit niedriger bewertet, als es ihrer inneren Qualität entspricht. Seine Fotos sind keine Enthüllungen, sie weisen darüber hinaus auf den eigentlichen Grund, weshalb sie entstehen und, in diesem kurzen Augenblick, genau so entstehen mussten. Das impliziert ein umfangreiches Wissen, von dem ich mir bei Semotan in den langen Jahren unserer Zusammenarbeit nie ganz klar wurde, ob es das Produkt verbissener Arbeit oder die pure Gnade des Talents ist. Vermutlich ist es beides in der klassischen Mischformel: zehn Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration. „Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen“, schreibt Friedrich Nietzsche, aber er sagt natürlich nicht dazu, wie viel Training es braucht, leichte Füße zu bekommen. Oder wie viel Übung notwendig ist, die Oberfläche der Dinge als Spiegel darzustellen, der nicht nur reflektiert, was von außen auf ihn trifft, sondern auch den Tiefenschimmer sammelt und weitergibt.

Beachtlicherweise ist Semotans Blick für die andere Geschichte mit den Jahren nicht müder geworden. Vielleicht liegt das daran, dass er dem Vernehmen nach auch bei anderer Gelegenheit geübt wird, etwa beim Golf – einer Sportart, die ähnlich der Fotografie, viel mit der Koordination eines guten Auges und einer sicheren Hand zu tun hat. (Samo Kobenter; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

ZUR PERSON:
Rudolf Semotan, geboren am 20. 6. 1950 in Wien, begann bei Votava, arbeitete für „AZ“ und Standard, jetzt „Kurier“.
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