"Die Vergangenheit liegt hinter uns"

19. Oktober 2004, 19:12
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Israels Präsident Moshe Katzav lobt im STANDARD-Interview die "sehr guten Beziehungen" zu Österreich

Wien - "Die Vergangenheit liegt hinter uns", sagte der israelische Staatspräsident Moshe Katzav im Gespräch mit Hans Rauscher über das Verhältnis zwischen Österreich und Israel. Israel wolle nicht die Äußerungen oder die Ideologie von Jörg Haider betonen (wegen des Regierungseintritts der FPÖ wurden im Jahr 2000 die Beziehungen herabgestuft, Anm.).

"Wir sind in diesen Fragen weiter sensitiv, aber wir haben sehr gute Beziehungen mit dem Bundespräsidenten und dem Kanzler, und wir können nicht ignorieren, dass die Regierung den Kampf gegen den Antisemitismus führt", sagte Katzav, der am Dienstag zum ersten Staatsbesuch eines israelischen Präsidenten in Österreich überhaupt eintraf.

Zum harten Vorgehen der israelischen Armee in den besetzten Gebieten sagte er, die Israelis würden Kinder keinesfalls bewusst als Ziel auswählen: "Die Palästinenser wählen unsere Kinder als Ziele aus, wir tun das nicht mit den palästinensischen Kindern." Aber wenn sich die palästinensischen Terroristen hinter Zivilisten versteckten, dann gebe es eben zivile Opfer. Katzav: "Wir wollen keine Bestrafung, keine Rache, sonder nur Prävention."

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STANDARD: Herr Präsident, die Schwierigkeiten zwischen Österreich und Israel hingen in der Vergangenheit mit zwei Namen zusammen, Waldheim und Haider. Gibt es da noch Probleme?

Katzav: Mein offizieller Besuch ist der Beweis, dass die Beziehungen sich sehr gut entwickeln. Die Vergangenheit ist hinter uns. Natürlich sind wir noch sensitiv wegen der Vergangenheit, sie ist Teil der Geschichte, aber ich will die Zukunft entwickeln. Ich glaube, dass die Entschlossenheit der österreichischen Regierung, gegen den Antisemitismus vorzugehen, sehr stark ist.

STANDARD: Herr Präsident, Sie haben beklagt, dass die Europäer die Leiden des israelischen Volkes durch den Terrorismus zu leicht nehmen.

Katzav: Ich glaube, dass die internationale Gemeinschaft wirklich gegen den Terrorismus ist, aber der palästinensische Terrorismus im Mittleren Osten ist viel brutaler. Es ist mehr als "normaler" Terrorismus. Ein Baby im Bett zu erschießen, das ist mehr als Terrorismus.

Denn die Terroristen sagen, jedes jüdische Baby muss getötet werden, weil es eines Tages ein Soldat werden könnte. Aber man kann nicht sagen, dass Madrid oder Russland Terrorismus ist, aber im Mittleren Osten ist es ein Befreiungskampf.

STANDARD: Das führt uns zu der Frage, dass auch die israelische Armee Kinder tötet. Nach einem Bericht von Menschenrechtsorganisationen sogar viel mehr als israelische Kinder von den Terroristen getötet werden.

Katzav: Danke für diese Frage. Das ist sehr schwierig. Die israelische Armee hält eine hohe moralische Verantwortung aufrecht. Der Unterschied besteht darin, dass die israelischen Kinder deren Ziele sind, die palästinensischen Kinder aber niemals unsere Ziele.

Es gibt Unfälle, bei denen palästinensische Kinder getötet werden, aber das sind Unfälle. Aber für sie ist das Vergießen von Blut unserer Kinder kein Unfall. Sie schießen Raketen von Häusern, in denen Zivilisten und auch Kinder leben. Aber wir sind uns des Problems sehr bewusst und versuchen die Tötung Unschuldiger zu vermeiden.

STANDARD: Halten Sie es nicht für notwendig, dass Sie als Präsident die israelische Armee auffordern, vorsichtiger zu sein und keine exzessive Gewalt anzuwenden?

Katzav: Das ist nicht notwendig, weil die Armee sich des Problems ebenso bewusst ist wie ich. Die Aktivität der israelischen Armee ist nicht Bestrafung, nicht Rache, nicht Vergeltung, sondern Prävention.

Wir sind sehr stark und wir könnten die Palästinenser besiegen, so wie wir die arabischen Armeen 1967 und 1973 besiegt haben. Aber wir wollen sie nicht militärisch besiegen, wir wollen nur gegen Terroristen kämpfen.

STANDARD: Früher gab es breite Solidarität mit Israel. Wenn Sie heute auf einer Universität die Studenten fragen, dann wird Israel als koloniale Besatzungsmacht empfunden. Was ist passiert?

Katzav: Ja, wir sind die stärkste Macht im Mittleren Osten, aber nicht immer ist der Starke schuldig und der Schwächere unschuldig. In diesem Fall ist der Schwächere schuldig und der Stärkere unschuldig. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2004)

  • Die Zukunft im Blick: Israels Staatschef Moshe Katzav will trotz der früheren Belastungen wegen des Regierungseintritts der FPÖ das Verhältnis zu Österreich weiter entwickeln.
    foto: cremer

    Die Zukunft im Blick: Israels Staatschef Moshe Katzav will trotz der früheren Belastungen wegen des Regierungseintritts der FPÖ das Verhältnis zu Österreich weiter entwickeln.

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