"Synästhesie" soll verantwortlich dafür sein, dass manche Menschen auf Personen mit Farb-Erfahrungen reagieren
London/Wien - Entsteht die geheimnisvolle Aura - welche
manche Menschen um andere Zeitgenossen zu erkennen glauben - bloß im
Gehirn des vermeintlichen Mediums? Diese mögliche Erklärung des
Aura-Sehens stellt jedenfalls Jamie Ward vom University College
London (UCL) zur Diskussion. Ward beschäftigte sich in einer in der
Wissenschaftszeitschrift "Cognitive Neuropsychology" veröffentlichten
Studie mit einer bestimmten Form von "Synästhesie", einem seltenen
Phänomen, bei dem Menschen auf bestimmte Wörter oder Personen mit
Farb-Erfahrungen reagieren.
Für eine von Ward im Rahmen der Studie untersuchte Frau verändert
sich die Farbe des ganzen Gesichtsfeldes, wenn sie die Namen von
bestimmten, bekannten Personen hört. Sieht sie die Person selbst, so
hat diese für die Frau eine farbige Aura. So erscheint ihr "James"
rosa, "Thomas" schwarz oder "Hannah" blau.
Farbempfindung durch Wortassoziationen
Weiterführende Tests zeigten, dass nicht nur Namen, sondern auch
andere Begriffe zu Farbempfindungen führten. Wörter, die mit
positiven Emotionen assoziiert werden, riefen dabei Rosa, Orange,
Gelb oder Grün hervor. Bei negativen Assoziationen dominierten Braun,
Grau oder Schwarz.
Das als Synästhesie bekannte Phänomen betrifft durchschnittlich
eine von 2.000 Personen. Es tritt auch in anderen als der von Ward
geschilderten Versionen auf, so können etwa auch mit bestimmten
Formen Geschmäcker, Gerüche oder Klänge verknüpft werden.
Wissenschafter nehmen an, dass die seltsamen Assoziationen, die auch
vererbt werden können, mit kreuzweisen Verdrahtungen im Gehirn zu tun
haben, etwa zwischen einem Zentrum für emotionale Verarbeitungen und
einem für die Geruchswahrnehmung.
Die von den britischen Forschern untersuchte Frau kam auf Grund
ihrer Visionen nie auf die Idee, sie könnte übernatürliche
Fähigkeiten haben. Dennoch hält Ward es auf Grund für möglich, dass
viele Behauptungen über Aura-Sichtungen mit Synästhesie zu tun haben
könnten. Diese Erklärung wäre jedenfalls wesentlich plausibler als
die Annahme, dass es sich bei einer Aura um eine Art Energiefeld oder
Ähnliches handelt. (APA)