Sittlichkeitspredigt, wenn sie der Salonlöwe brüllt

26. Dezember 2004, 22:25
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Ludwig Thomas Komödie "Moral" in den Wiener Kammerspielen

Als Herr vieler handfester Pointen zieht Charmeurschauspieler Harald Serafin ein ins Zaumzeug der Aristokratie gestecktes Konversationsstück drei Akte lang voran.

In Ludwig Thomas Komödie Moral gibt er den im heuchlerischen Doppelspiel gefangenen Fritz Beermann. Als Vorstand des Sittlichkeitsausschusses ist ihm nachdrücklich daran gelegen, die von ihm selbst nicht zu rar besuchte Nobeldirne (exaltiert: Nina Gabriel) sowie deren Tagebuch von den Polizeiakten fern zu halten. Familie und Laster - das darf sich nicht berühren! Obwohl: Die eigene Frau weiß es besser. Über die scheinheilig motivierte Tour de Force ihres Gatten längst im Bilde und über deren Blödheit mehr verärgert als angewidert, liefert sie ihm im dritten Akt eine Eherede, als wäre alles hier von Botho Strauß. Den Tragödienton, den Adelheid Picha als Gattin dafür findet, legt das Salon-Tollhaus für Minuten lahm. Etwas Besseres konnte Regisseur Felix Dvorak hier nicht passieren. (afze/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2004)

Kammerspiele, 1., Rotenturmstraße 20, (01) 427 00-300. 20.00
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