Der Ha-zwei-es-o-vier-Zarathustra

26. Dezember 2004, 22:25
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Immer wenn Strindberg seine Eheleiden satt war, ließ er es schwefeln - dietheater Konzerthaus

Jede Krise im Leben eines bedeutenden Mannes birgt ebenso Risiken wie unabsehbare Chancen. Der schwedische Dramatiker August Strindberg beispielsweise verfiel ungefähr um 1894 in eine echt faustisch-kauzige Dauererregung, die sich wahlweise manisch ("Es stinkt!"), paranoid ("Man will mich in den Wahnsinn treiben!") oder eben labortechnisch-chemisch äußerte ("Eisen und Schwefel - das Geheimnis des Goldes!").

Wir betrachten Robert Quittas weniger schwefelsaure als kristallwasserklare Theatervignette Strindberg experimentiert im dietheater Konzerthaus. Ein nordischer Faust (Thomas Seiwald) entwickelt den Ehrgeiz eines eher abwegigen Sudelküchenchefs, dem erst noch die Macbeth-Hexen ins zerrüttete Gemüt hineinwispern, ehe sie den hingegeben Forschenden als leibhaftige Ehewiedergängerinnen aus der Chemieekstase herauszureißen trachten.

In Quittas Strindberg-Welt wird Ordnung gehalten: August hantiert gekonnt mit Zylindergläsern und Pipetten. Er erzeugt zwar leider kein Gold, macht aber ordentlich Dampf. Hier, in Quittas phantasmagorischem Zaubergarten, kochen zart-emanzipierte Frauenseelen kolossal über. Die drei Damen ereilt das Schicksal, als Karikaturen ihrer selbst in des Frauenhassers Werk einzugehen. Der Meister selbst, ein Schlacks von anämischem Ernst, flieht die Studierstube: "Ich werde Kabarettist!" Ein meisterliches Denkbild nicht nur für angehende Chemiker. (poh/ DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2004)

dietheater Konzerthaus, 3., Lothringerstraße 20, (01) 587 05 04. 20.00
  • Thomas Seiwald macht Gold
    foto: dietheater/peter m. mayer

    Thomas Seiwald macht Gold

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