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24. Oktober 2004, 19:20
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Ebbot Lundberg und The Soundtrack Of Our Lives retten einmal mehr den klassischen Rock der 60er-Jahre: Sie führen ihn ins dritte Jahrtausend

Heuer lassen die Schweden damit auf dem Album "Origin Vol. 1" die Konkurrenz weit, weit hinter sich. Ein Ereignis!


Wien - Ende der 80er-Jahre musste man sich um Ebbot Lundberg ernsthaft Sorgen machen. Der junge Mann gab damals mit seiner heute legendären Band Union Carbide Productions nicht nur auf Alben wie In The Air Tonight oder From Influence To Ignorance den schwedischen Iggy Pop. Auch vom selbstzerstörerischen Lebensstil und den Konzerten her standen alle Regler im roten Bereich.

Alkohol und Amphetamine, Schweiß, Tränen und Gewalt. Bei einem denkwürdigen Konzert im alten Wiener Chelsea, an das sich heute nur mehr Menschen erinnern können, die gar nicht dabei waren, wurde die gefährliche Mischung aus Größenwahn, persönlichen Tragödien und nackter Zerstörungswut an die Grenzen geführt.

Kaum hat man jenseits von Ebbot Lundberg einen Sänger und Performer gesehen, der mit derartiger Konsequenz und mangelndem Respekt vor den eigenen physischen wie psychischen Belastbarkeitsgrenzen zur Sache ging.

Union Carbide Productions nahmen vor eineinhalb Jahrzehnten den Rock 'n' Roll der bösartigen Denkungsart so ernst, dass alles andere als Kinderjause erscheinen musste. Selbst die beherzteren Vertreter des parallel dazu auftretenden US-Grunge wie Mudhoney, Tad oder Nirvana wirkten dagegen blass.

Dass Lundberg diese Zeit überlebt hat, verdankt er heute sichtlich nicht nur einem bescheideneren und bis hin zum Wohlstandsbauch gesundeten Lebensstil. Schon die späten Union Carbide Productions hatten bezüglich der Erweiterung von Lundbergs künstlerischem Spektrum - und damit seiner Selbstrettung - zunehmend Probleme. Zu den metallisch kreischenden Gitarren, den dumpfen Riff-Prügeleien und dem entfesselten Gebrüll gesellten sich auch neue Einflüsse.

Spurensicherung

Bei der Nachfolgeband The Soundtrack Of Our Lives und in Folge auf grandiosen und zwingenden Arbeiten wie Welcome To The Infant Freebase (1996) oder zuletzt Behind The Music aus 2001 sind nicht nur zunehmend getragenere Rocksongs zu hören. Die klingen nach dem Überfallkommando Iggy Pop & The Stooges heute mehr nach nachfolgender Spurensicherung. Will heißen: Ebbot Lundberg hat über all die Jahre nicht nur konsequent an seinem Traum festgehalten, aus dem Chaos der Jugend die Stil- und Selbstsicherheit des Alters zu destillieren.

Auf dem jetzt dank der Fülle des Materials erschienenen ersten von insgesamt zwei bis drei in schneller Folge zur Veröffentlichung geplanten neuen Album, Origin Vol. 1 (Vertrieb: Warner), hat sich der gequält bis gepresst, aber immerhin endlich singende Vollbart- und Kaftanträger Lundberg als Demis Roussos des Gitarren-Underground gemeinsam mit seinen Kollegen auch einen weiteren entscheidenden Schritt Richtung Diversifizierung entwickelt.

Den zügellosen Gitarren-und Entgrenzungsritualen von Iggy Pop & The Stooges standen damals zeitgleich immer auch die konsensfähigeren Modelle Rolling Stones, The Doors oder auch die etwas verschrobeneren und hier endlich voll zur Geltung kommenden Love mit deren genialischem Songwriter Arthur Lee zur Seite.

Gerade deren abgehobener wie gleichzeitig erdverbundener Psychedelic- und Folk-Rock-Klassiker Forever Changes aus 1967 scheint Lundberg Zeit seiner neuen Band zunehmend zu beschäftigen. Inklusive aller für einen gestandenen Sixties-Anhänger obligaten Beatles-Einflüsse bei den Melodien wie Harmonien zeichnen sich auch die neuen Songs durch eine ebenso gut abgehangene wie zeitlose Form von Rock aus.

Der basiert auf poppigen Psychedelic-Spielereien ebenso, wie auf einem festen Rockfundament. Die hier vermittelte Schwere (oder Schwerfälligkeit) im Gestus wird immer auch leichtfüßig wie vom Songaufbau her zwingend nach vorne marschierend interpretiert.

Allein wie sich das wunderbar nostalgische und gleichzeitig moderne wie zentrale Albumstück Transcendental Suicide ("We're gonna last forever!") irgendwo im Zeitloch zwischen Gimme Shelter- oder All The Young Dudes-Chören aufbaut!

Am Ende bricht alles nach sechs Minuten im symphonisch nachklingenden Tonbandchaos der späten Beatles zusammen. Doch dann geht es ohne Naht mit einem mächtigen Riffrock, dem Stück Bigtime weiter: "Welcome to the future!" Won't Get Fooled Again von Who's Next von The Who aus 1971, die Durchhalteparole zum Ende der Sixties, kündet in Kombination mit melancholisch verhallter Gitarrenlehrer-Konzertgitarre, wimmernder Orgel, gemütlich tuckernden Analog-Synthesizern und vom Punk her stürmenden und drängenden Gitarren vom Gefühl des Sieges in der Niederlage.

Danach doch wieder milde Resignation bei träge-hymnischer Melodie, Heading For A Breakdown: "Some people think they're aging too fast, living in a race against the past, they cannot feel the present day, but there's always time to fade away." Rock, diese letzte Bastion des Pop, in der es nicht zwangsweise peinlich wirkt, wenn jemand zurückblickt, um Kraft für das Morgen zu schöpfen, kommt hier zu einem milde stürmischen, neuen Höhepunkt. Zeitlose Größe. Klassikrock! (DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2004)

Von
Christian Schachinger

Österreich-Livedebüt: 26. 11., Planet Music, Wien
  • Vollbartträger Ebbot Lundberg und "The Soundtrack Of Our Lives" retten den klassischen Rock mit einem ebenso geschichtsbewussten wie modernen neuen Album.
    foto: warner

    Vollbartträger Ebbot Lundberg und "The Soundtrack Of Our Lives" retten den klassischen Rock mit einem ebenso geschichtsbewussten wie modernen neuen Album.

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    foto: warner
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