Der globalisierte Barsch

20. Oktober 2004, 18:03
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Ein lukrativ schief gegangenes Experiment zeigt Hubert Saupers brisanter Dokumentarfilm "Darwin's Nightmare"

Am Ursprung stand ein Experiment, am Ende ein Erfolg für die Globalisierung. In den 60er-Jahren wurde der Nilbarsch im afrikanischen Viktoriasee ausgesetzt. Der Raubfisch, anpassungsfähiger als seine Artgenossen, behauptete sich in seiner neuen Umgebung nicht nur, er zerstörte das natürliche Gleichgewicht des Sees, da er sich von anderen Spezien ernährte. Unternommen wurde dagegen nichts – aus wirtschaftlichen Gründen: Der Fisch entwickelte sich zum lukrativen Exportschlager.

Hubert Saupers Dokumentarfilm Darwin's Nightmare führt zum Ursprungsort jener Delikatesse, die mittlerweile bereits Viktoriabarsch genannt wird. In Mwanza, einer Stadt in Tansania, ist alles auf das Geschäft mit dem Fisch ausgerichtet: Regelmäßig starten von hier Flugzeuge, um die begehrten Filets tonnenweise in europäische Industrieländer zu fliegen. Sauper sucht in nüchternem Tonfall nach den Folgen der einseitig ausgerichteten Ökonomie. Nicht der Erfolgsgeschichte, die nur die allerwenigsten der Einheimischen betrifft, gilt sein Interesse, sondern jenen, die nach Mwanza kommen, um hier ein wenig mitzuprofitieren: Prostituierte, die ihre Dienste an die ausländischen Piloten verkaufen; Straßenkinder, die sich von den madenzerfressenen Überresten des Barsches ernähren.

Darwin's Nightmare breitet sukzessive das Getto aus, das rund um die einträgliche Fischproduktion immer größer wird, und er erzählt vom Mangel an zivilen Strukturen: Ein mit Pfeil und Bogen bewaffneter Nachtwächter wäre jederzeit bereit, zu töten – den Krieg seien die Menschen hier ohnehin gewöhnt. Sauper setzt derart die unterschiedlichsten Ebenen – von ökonomischen Ausbeutungsverhältnissen bis zur sozialen Verwahrlosung – stimmig zueinander in Beziehung.

Die Frage, die den Film in Bewegung hält, lautet jedoch, ob die Flugzeuge aus dem Norden bereits mit Ladung in Tansania landen. Die russischen Piloten und andere in den Handel Involvierte weichen der Antwort immer wieder aus, bis es einer von ihnen tatsächlich ausspricht (und den schrecklichen Verdacht bestätigt): Der Viktoriabarsch wird mit Waffen abgegolten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

19.10., 20.30
Gartenbau

20.10., 24.00
Metro
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    foto: viennale
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