Vom Aufheben der Widersprüche

18. Oktober 2004, 18:24
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Eine Gesellschaft im Umbruch auch an entlegenen Orten: Junge, erzählerische und dokumentarische Filme aus China

Die Viennale präsentiert auch in diesem Jahr junges chinesisches Kino: Ein Streifzug durch erzählerische und dokumentarische Filme, die auch an entlegenen Orten von einer Gesellschaft im Umbruch künden.


Die Provinz Yünnan im Südwesten von China gilt als ein gelobtes Land. Sie hat eine außergewöhnliche Vegetation, ist wasserreich, und die Berge deuten schon auf die Wunder des Himalaya. Der pensionierte Arbeiter Xu Daqin hat für chinesische Verhältnisse viel erreicht: Er lebt in einer komfortablen kleinen Wohnung, seine Tochter kümmert sich halbwegs um ihn.

Xu Daqin hat nur noch einen, störrischen Wunsch: Er möchte nach Yünnan reisen, weil er als junger Mann die Gelegenheit ausgeschlagen hat, dorthin zu übersiedeln. Seine Fahrt bringt natürlich manche Enttäuschungen mit sich, aber die besondere Qualität von Zhu Wens Film Yun de nan-fang (South of the Clouds) liegt darin, wie er den Traum von Xu Daqin einlöst.

Das Land südlich der Wolken hat mit dem modernen China, in dem es um Fortschritt und Statussymbole geht, wenig zu tun. Die Einheimischen gehören einem Volk mit einer eigenen, matriarchalen Kultur an. Zhu Wen erzählt, wie Xu Daqin ein wenig aus der Welt fällt. Weil er auch tatsächlich ein wenig weltfremd ist, gerät er in eine kompromittierende Situation mit einem Mädchen und findet sich unversehens auf dem Polizeirevier wieder.

Er darf das Land nicht so schnell wieder verlassen, und aus der Reise an den Sehnsuchtsort wird ein unfreiwilliges Exil, das dann jedoch in einem Zustand endet, den Paul Schrader einmal Stasis genannt hat: einen Augenblick, in dem die Widersprüche aufgehoben (nicht jedoch suspendiert oder vergessen) sind.

Kostbare Momente

China sucht vielleicht nach diesen kostbaren Momenten, denn auch das Kino aus der Volksrepublik handelt zur Zeit in erster Linien von den Errungenschaften einer Moderne, die durch Konsum und Karriere bestimmt wird. Das andere, das agrarische, das arme China kommt in den offiziellen Produktionen gar nicht vor. Es gibt allerdings ein differenziertes, inoffizielles Filmschaffen, das sich direkt und dokumentarisch gibt (und manchmal auch in die Posen der Authentizität verfällt).

Man-Yan (Pirated Copy) von He Jianjun gibt ein sehr anschauliches Bild davon, wie sehr die Bilderproduktion und -distribution in China zur einer Sache der individuellen Aneignung geworden ist. Es ist kaum möglich, die Interessen der Regierung und der Konzerne dagegen durchzusetzen. Viele jüngere Regisseure haben ausdrücklich ein Auge auf die Zerfallserscheinungen, als Nebenwirkungen des Fortschritts:

Wu Ershans Fei-zao-ju (Soap Opera) zeigt einige Menschen am Rande der Psychose und der Delinquenz. Die Anachronismen verlagert Wu Ershan in die unmittelbare Wohnumgebung der Menschen, aus denen etwas herausbricht, wovon sie selbst manchmal nichts wussten.

Die Dichterin und Filmemacherin Du Peihua unternimmt in Hong bu jing (A Red Backdrop) hingegen eine Reise in die Geschichte, und folgt dabei einer regionalen Spur: Sie sucht jene Orte auf, an die sich die Rote Armee zurückgezogen hatte, um sich für den Kampf gegen die Nationalisten zu sammeln. Noch immer ist diese Revolutionsmythologie prägend und präsent, sie ist der Überbau, der die gegenwärtigen großen Sprünge vorwärts legitimiert.

Du Peihua montiert ihre Impressionen allerdings ein wenig zu dezidiert subjektiv, um mehr als nur einen chaotischen Eindruck von den vielfachen Bezügen zu geben, in denen chinesische Bürger leben. Die Komplexität von Hong bu jing liegt natürlich auch in einem Reichtum an kulturellen Voraussetzungen, in dem eine westliche Rezeption ohne Sprachkenntnisse an Grenzen stößt, die auf einem Festival kaum zu überwinden sind.

Es ist der kontinuierlich an seinem Epos des modernen China arbeitende Jia Zhangke, der in Shi Jie (The World) alle diese Prozesse zusammenfasst: Die Welt dieses Films ist ein Themenpark, dessen Thema die Welt ist. Eine Idee von Globalisierung als symbolischer Aneignung dominiert diesen Schauplatz, in dem eine Tänzerin und ein Security-Mann einander treffen.

Idealer Vorbote

Jia Zhangke stellt immer die Verbindung zwischen Provinz und Metropole her, die Stadt Fenyang ist für ihn, was der Mezzogiorno für den italienischen Neorealismus war, und Beijing ist nicht nur Hauptstadt, sondern auch die Verbindung Chinas mit der Welt.

Nach Xiao Wu und Platform sowie Unknown Pleasures ist The World das vierte Kapitel in einem Projekt, das fürs chinesische Erzählkino eine einzigartige Dimension gewinnt. The World läuft am Bonustrack-Tag und ist als inoffizieller Abschlussfilm ein idealer Vorbote der kommenden Welt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

Yun de nan-fang
21.10., 11.00
Metro
22.10., 15.30
Gartenbau

Man-Yan
21.10., 15.30
27.10., 11.00
Stadtkino

Fei-zao-ju
19.10., 18.00
Stadtkino

Hong bu jing
25.10., 20.30
Stadtkino

Shi Jie
28.10., 21.00
Urania

  • "Yun de nana-fang"
    foto: viennale

    "Yun de nana-fang"

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