Argwohn und keinerlei Alternativen

18. Oktober 2004, 18:24
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Gleich mehrere Dokumentarfilme bei der Viennale widmen sich dem Konflikt zwischen Israel und Palästina

Sie laden zur Parteinahme ein, aber die Last der Geschichte erlaubt auch hier keine einfachen Lösungsansätze.


Tod oder Freiheit: Auf diese Alternative reduziert sich das Leben vieler junger Palästinenser. Eine dritte Möglichkeit gibt es nur auf Zeit. Das Theater, das Arna Mer-Khamis in den frühen 90er-Jahren im Flüchtlingslager Jenin gegründet hat, bot den Kindern eine Möglichkeit, sich auf symbolische Weise auszudrücken. Aber schon damals hatten sie eine klare Vorstellung davon, worauf sie hinauswollten: "Auf der Bühne stehen, das ist wie einen Molotow-Cocktail werfen."

Arna Mer-Khamis bekam für ihr Engagement den Alternativen Nobelpreis, bald darauf starb sie an Krebs. Ihr Sohn Juliano Mer-Khamis hat in Arna's Children (zusammen mit Danniel Danniel) die kurzen Lebensläufe der Kinder aus Jenin rekonstruiert – aus Filmmaterial, das über einen langen Zeitraum entstand.

Ashraf ist noch ein Knabe, als er den Anspruch erhebt, der palästinensische Romeo zu werden. Später stirbt er bei den Kämpfen um Jenin, als die israelische Armee das Lager dem Erdboden gleichmacht. Yousef und Nidal sterben als Attentäter. Vorher nehmen sie noch eine Abschiedsbotschaft auf Video auf. Der Widerspruch zwischen kindlichem Spiel und radikaler Terrorpolitik wenige Jahre später wird in Arna's Children nicht gelöst, im Gegenteil ist seine schockierendste Facette, dass der Übergang zwischen der ersten und der zweiten Phase der Sozialisation als alternativlos gezeigt wird.

Repräsentative Menge

Das kann man dem Filmemacher ankreiden, der sich auf eine bestimmte Gruppe beschränkt und selbst nicht nach Personen auf der palästinensischen Seite sucht, die nicht zwischen Tod oder Freiheit entscheiden wollen. Arna's Children sind, soziologisch gesehen, eine zufällige Menge. Aber sie sind repräsentativ auf eine Weise, die Juliano Mer-Khamis mit seinem Schlussbild belegt: Er zeigt darin eine größere Gruppe Halbwüchsiger, die sich singend auf eine Gewalt (und eine Hingabe an Allah) einstimmen, für die sie noch gar nicht als volljährige Subjekte einstehen können.

Der Verlust der Kindheit ist eine Folge des Ausnahmezustands, in dem die Menschen auf dem Gebiet des historischen Palästina und des heutigen Staates Israel mit den besetzten Gebieten leben. Arna Mer-Khamis kam selbst als Zionistin vor 1948 in das Land, erst nachträglich begriff sie die Folgen ihrer Landnahme von damals: Sie bedauerte die Vertreibung der Beduinen.

Die Gruppen, die auf das kleine Land ihre jeweils eigenen Ansprüche haben, kommen mit jedem Tag schwerer miteinander aus. Juliano Mer-Khamis gilt den Palästinensern zuerst einmal als Spion. Argwohn ist die erste Reaktion aufeinander. Der bedeutende israelische Dokumentarist Avi Mograbi (in vielerlei Hinsicht mit Nanni Moretti vergleichbar, also auch ähnlich unvergleichbar) hat sich in Happy Birthday, Mr. Mograbi vor wenigen Jahren selbst zum Spion für die palästinensische Sache gemacht. Im Kurzfilm Detail, der auf der Viennale läuft, ist nur ein Ausschnitt aus einem in Entstehung begriffenen längeren Film zu sehen:

An einer Straßenkreuzung, die nicht erkenntlich in der Nähe einer Stadt liegt, stehen einander eine Gruppe Palästinenser und ein Panzerfahrzeug der israelischen Armee gegenüber. Die Passanten benötigen medizinische Versorgung. Sie kommunizieren nicht mit Menschen, sondern mit dem Vehikel, aus dem heraus die Fragen kommen, die sie geduldig beantworten.

Kein neuer Anfang

Es ist eine Szene von irritierender Unverhältnismäßigkeit, die überdeutlich macht, wie sehr die Menschen zwischen den Sicherheitsansprüchen Israels und den Attentäter aus ihren eigenen Reihen verloren gehen. Sowohl Arna's Children als auch Detail laden zur Parteinahme ein, sie sind kritisch gegenüber der Politik Israels (gerade weil beide Filmemacher Israelis sind).

Ihre Position ist aber zugleich aporetisch, denn beide Parteien im Konflikt (mit ihren Fraktionen, die untereinander im Streit liegen) haben einander zu viel Geschichte aufgeladen, um einfach aus dem Stand einen neuen Anfang setzen zu können. Der leider nicht im Viennale-Programm enthaltene, dichte und aufschlussreiche, vierstündige Dokumentarfilm Route 181 von Eyal Sivan und Michel Khleifi, eine Reise entlang der Grenzen der UNO-Resolution von 1948, wäre die Grundlegung zu den aktuellen Filmen aus der Region, die das Festival zeigt.

Der Checkpoint, die Kontrollstelle an einer Straße, zeigt das "alltägliche Gesicht der Okkupation". In Yoav Shamirs Mahssomim kann man 80 Minuten lang dabei zusehen, wie israelische Soldaten die Palästinenser behandeln, die in eine Stadt wie Hebron wollen oder wieder heraus. Die größte Überraschung dieser Schilderung ist, wie sehr die einzelnen Fälle dem Ermessen der meist sehr jungen Einsatzkräfte unterliegen. Sie sind häufig ziemlich hilflos. Dann treffen sie eben eine Entscheidung. Ein freier Verkehr von Menschen und Gütern ist völlig unterbunden. Beide Seiten leiden unter diesem Regime.

Wenn es eine Quintessenz aus den Filmen über Israel/Palästina bei der diesjährigen Viennale gibt, dann kann diese nur in einem tiefen Pessimismus bestehen. Umso wichtiger wäre es, zu den Urszenen des Konflikts zurückzukehren, in die Jahre 1947/48. Die Historiker publizieren dazu laufend relevantes Material, und auch die Filmemacher tun, was sie können – sie zeigen, was ist, und sie rekonstruieren, wie es dazu kam. Das sind die Möglichkeiten des Kinos.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

Arna's Children
20.10., 11.00
21.10., 13.00
jew. Stadtkino

Detail (Kurzfilm- Programm2)
19.10., 15.30
Stadtkino

Mahssomim
25.10., 15.30
Stadtkino

  • Eindringliche Momentaqufnahme aus einem besetzten Gebiet: "Detail" von  Avi Mograbi
    foto: viennale

    Eindringliche Momentaqufnahme aus einem besetzten Gebiet: "Detail" von Avi Mograbi

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