Tauben, Trenker und Tornado

28. Oktober 2004, 11:12
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H.s erster Auftritt liegt Jahre zurück: Tauben hatten seinen Klopfbalkon im Gemeindebau als Nist- und Kackplatz entdeckt...

Er ist wieder da. Zwei Millionen Euro, sagte H., werde er der Stadt abnehmen. Wegen seelischer Grausamkeit. Denn jetzt, sagte H., sei Schluss mit lustig. Er, H., sagte H., lasse sich nicht länger auf dem Kopf herumtanzen. Oder darauf sch... . Im Wortsinn. Jetzt, sagte H. werde er zeigen, wozu er fähig sei wenn er sauer, richtig sauer, sei. Gerade so, als ob H. bisher ein Dulder gewesen wäre.

H. ist ein alter Bekannter. Einer von denen, die ja prinzipiell recht haben. Einer von denen, die ihr Ziel so diplomatisch ansteuern, wie eine Mure das Tal. Einer von denen, die im Umgang mit Mächtigeren soviel Fingerspitzengefühl haben, wie ein Dampfhammer. Gepaart mit missionarischem Eifer und elefantöser Nachträglichkeit ergibt das eine explosive Mischung. Und H. sprengt sich regelmäßig selbst in die Luft.

Balkonfestnahme

H.s erster Auftritt liegt Jahre zurück: Tauben hatten seinen Klopfbalkon im Gemeindebau als Nist- und Kackplatz entdeckt. H. forderte die Gemeinde auf, den Hof per Netz vor Flugratten zu schützen. Eingabe folgte Eingabe – und die Stadt schlug zurück: weil der Taubendreck von H.s Balkon auf die Darunterliegenden fiel, sollte H. so putzen, dass die Belästigung anderer entfiele.

H. tobte – und klagte die Stadt. Vor Gericht trat er den Wahrheitsbeweis an: Er tanzte mit von ihm verhafteten Tauben (H. sagte das so, als er den Käfig auf die Richterbank stellte) an. Weil er im Recht war, glaubte H., ohne anwaltlichen Beistand auszukommen – das ging gründlich in die Hose: H., befand das Gericht, müsse selbst putzen.

Dann lud H. zu Baggerkursen: Er, im Brotberuf Baggerfahrer, sähe doch, wie Kinder verzückt beim Baggern zusähen. Das erste Mal stellte H. seinen Bagger am Donauinselfest auf – und lud Politiker aller Couleurs zum Anbaggern. Sein Pech: Die ranghöchste Mandatarin die kam, war von der FPÖ. H. studierte das Protokoll und ließ sie reden und baggern – von da an hatte H. bei allem, was in Wien mit der SPÖ zu tun hat, ziemlich schlechte Karten. Sagt H.

Verhinderter Präsident

H. wollte auch – um Kinderanliegen zu vertreten – schon Bundespräsident werden, wurde aber - natürlich, seufzt er - von den Behörden gemobbt. Ähnlich ging es seinem Fußballplatz für Unterprivilegierte am Stadtrand. Dann war Pause. Bis sich H. neulich meldete: Er werde, kündigte er an, die Stadt verklagen. Wegen seelischer Grausamkeit. Auf zwei Millionen Euro.

Die Summe, erklärte H. auf Nachfrage, sei ihm „halt eingefallen“. Und zwar in jener Viertelstunde, die er auf die Feuerwehr gewartet hätte. Die musste nämlich H.s Freund zurück auf H.s Balkon ziehen: Der Freund war beim – erraten – gerichtlich verordneten Taubenscheisseputzen an der Außenfassade abgerutscht und (zum Glück im Klettergurt) hängen geblieben. Und weil H. mittlerweile einen Bandscheibenvorfall hat, konnte der den Kumpel nicht zurück an Bord holen.

Ofen aus

Und so beschloss H., dass es ihm endgültig reiche: Er habe es satt, ständig Taubennester samt -brut zu entsorgen. Der Freund weigere sich auch, je wieder den Luis Trenker zu machen. Und er, so H. wisse ganz genau – auch wenn Gerichte und Stadt sich gegen ihn verschworen hätten – dass es Aufgabe der Stadt ist, zu putzen.

Jetzt, erklärte H., werde er richtig Gas geben: Über den Stadtrat, sagte H., werde ein Tornado, ein Taifun, ein Hurrikan hereinbrechen. Eine politische Windhose, wie der Stadtrat sie noch nie erlebt habe. Er werde heute noch klagen und bis zum Höchstgericht gehen. Ohne Anwalt versteht sich. Schließlich sei er im Recht. Um das den Richtern zu erklären, sagte H., brauche er keinen Winkeladvokaten, sondern nur Beweise. Er wisse, kündigte H. an, schon, was er tun werde: Tauben verhaften.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama

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    Panorama

  • Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
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