Name: Faust. Von Beruf: Täter.

26. Dezember 2004, 22:25
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Fulminante, sprachvirtuose Meditation im Deutschen Theater Berlin: Michael Thalheimer mit "Faust: Der Tragödie erster Teil"

Der deutsche Theaterherbst steht im Zeichen von Goethes "Faust": Den Auftakt mit "Der Tragödie erstem Teil" machte Regisseur Michael Thalheimers fulminante, sprachvirtuose Meditation im Deutschen Theater Berlin. Ein Massaker der Werte, an die niemand glaubt.


Herrn Faust (Ingo Hülsmann) braucht man nicht mit philologisch verschärften Sinnfragen zu behelligen. Zu Beginn, wenn vor der Rückwand des Deutschen Theaters Berlin die schwarzen Latten eines Rundzauns vorüberfließen (Bühne: Olaf Altmann), der studierte Nihilist und Spekulierrat Faust die berühmten, gemarterten Studierstubenverse Johann Wolfgang Goethes auf der Sparflamme seiner unbändigen Wut als ehrgeizzerfressener Schnellsieder hochkocht, als gliederzuckender Gedankenmordbrenner - da bricht der Deutschen liebstes Dichtungsmittel im Dauerbeschuss der Verse zunächst einmal zusammen.

Goethes Drama: ein glosendes Wrack. Regisseur Michael Thalheimer, den man gerne einen Minimalisten heißt, weil man darum seinen Humanismus umso leichter übersehen kann, zwingt die Zitate, die unzähligen schön geflügelten Worte, zurück in einen Urschmelztiegel. Thalheimer ruft die Stunde null aus: "Wo fass' ich dich, unendliche Natur?", posaunt Hülsmann. Dazu greift er mit den Fingern in die Luft, als wäre er Melkschemelsitzer an den Zitzen der geheiligten Faust-Kuh.

"Zeitgeist"-Zonen

An diesem unmanierlich blassen Mann zerren aber auch Kräfte, die Thalheimer aus der Sichtbarkeitszone in die Mentalitätsecke hinüber rutschen lässt - in Regionen mithin, die den so genannten "Zeitgeist" ausmachen. Hülsmann spießt den Faust-Diskurs mit seiner weiß glühenden Zunge auf - da kann auch Famulus Wagner (Peter Pagel), ein mausgrauer Stadtteilverordneter, nur als Beisteher fungieren - als Blitzableiter und Gedanken-Schmalhans, der Faustens Parteitagsanwandlungen mit wahrer Pädagogengeduld übersteht.
Das Reclam-Heft wird tüchtig zusammengestrichen. Übrig bleibt, was für den Gedankenbetrieb unbedingt nötig erscheint. Denn Herr Faust verkörpert in diesem betörend kargen, starren Schattenfilm den letzten Rest an Rebellion, an aufklärerischer Energie. Faust gibt den ewig mäkeligen Idealisten, der in bequemer wohlfahrtsstaatlicher Einbettung das Risiko - die ehemals gewagte, atemlose Frage nach dem großen "Ganzen" - auf eigene Kosten simulieren muss.

Ein Ordnungsfanatiker, der den Osterspaziergang durch einen Blick ins Publikum ersetzt. Dem der niedlich frisierte Mephisto (Sven Lehmann) im Schlabberpulli zugeht wie ein apportierwilliger, Sentenzen hechelnder Höllenschoßhund. Herr Faust schleudert zu Deep Purples Winselgesang von Child in Time die Glieder. Jetzt erst ist er hinreichend gelockert. Jetzt erst beginnt die Tragödie, die den zweiten Teil in der Tragödie erstem ausmacht.

Jetzt geht es nämlich um das arme Gretchen (Regine Zimmermann), das in seinem froschgrünen Frühlingskleid die berühmte Avance nebst Antrag von Schutz und Geleit wie einen etwas zu laut erzählten Herrenwitz erträgt.

Faust zerbricht fast unter der Ablehnung: Die auch schon wieder nachvergreisten Kinder der Berliner Republik sind an Zurückweisungen nicht mehr gewöhnt.

Ihr Frustrationstoleranz ist die wahre Katastrophe. Sie hecheln, wo sie sich vielleicht etwas ersehnen sollten - bloß was? In Thalheimers erkalteter Welt gebricht es an allem: an Leitvorstellungen, an festverzinslichen Werten - an (guten) Manieren. Und so bricht das Verhängnis mit der Präzision eines ferngesteuerten Zündungsmechanismus' über diese zerrütteten Menschlein herein, deren berühmtester eben noch gottgleich schien: Das weiß lackierte Stahlbett Gretchens steht karg vor leerem Grund. Ein Kruzifix schwebt in der Höh'.

Gretchen erzählt die Ballade vom König von Thule wie ein Besinnungsmantra, ihre Nachbarin Marthe Schwerdtlein (Isabel Schosnig) fixiert Mephisto wie ein appetitliches Stück Pressschinken hinter Klarsichtfolie.

Spielbein, Standbein. Mehr ist nicht in dieser anthrazitfarbenen Teufelswelt, deren anämische Blässe alles ankränkelt, die in Verabredungen erstickt und in unklar gewussten Ritualen vermodert. Und Gretchen ermordet. Was böte sich da besser an zur Beweisführung als Goethes Drama des nach Gewissheit dürstenden Modernitätsapostels namens Faust?


Wahrer Glücksfall

Diese präzise Aufführung, die ein wahrer Glücksfall ist nicht nur für das Deutsche Theater Berlin, kulminiert in der berühmten Frage Margarethes, die Fausts halbwüchsig-unreife Spekulierlust in einen aufjaulenden, operettenreifen Wahnsinn hineintreibt: "Glaubst du an Gott?" Und Zimmermann scheint wie festgefroren in ihrer "Kammer", während ihr Galan sich in die wüstesten Ausreden hineinschwadroniert, ihr Bett zertrampelt, ins Nichts hinausfaucht wie ein Kochtopf unter Gedankenbeweisdruck. Nur ihr Bein beginnt zu zittern: "Glaubst du an Gott?"

Sie wird sich später selbst die Kehle durchschneiden - als blutüberschüttete "Hur'". Immerhin das zeitigt das weich abgefederte Tasten nach Erkenntnis: Frauenopfer. Goethes Klassiker hat durch diese Art der gegenwartsnahen Befragung vorerst nur gewonnen. Donnernder Applaus - ehe sich Thalheimer in einem Jahr des zweiten Teils annimmt. Bereits kommenden Samstag rückt das Hamburger Deutsche Schauspielhaus übrigens mit seinem ersten Faust heraus. Ein deutscher Herbst. (DER STANDARD, Printausgabe vom 18.10.2004)

Von
Ronald Pohl aus Berlin
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    Ihre Ruh' ist hin, ihr Herz ist schwer, der Mund blutet ihr immer mehr: Gretchen (Regine Zimmermann, re.) in der Geiselhaft von Faust (Ingo Hülsmann) und dessen Ideologiehofrat Mephisto (Sven Lehmann, li).

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