Plassnik will Außenamt als "modernes Diensleistungsunternehmen" führen

19. Juli 2005, 10:08
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Schüssel: "In meinem 1,72-Schatten steht niemand, der wesentlich größer ist als ich"

Ungewohnt war die Situation vor allem für sie: Ursula Plassnik, langjährige Kabinettschefin von Kanzler Wolfgang Schüssel und zuletzt Botschafterin in Bern, musste am Montag für ihre Antrittspressekonferenz als neue Außenministerin dort Platz nehmen, wo sie eigentlich nie sitzen wollte: am Podium im Pressesaal des Bundeskanzleramtes, und vor allem - im Blitzlichtgewitter.

Die vergangenen vier Jahre hatte sich Schüssels engste Mitarbeiterin bevorzugt ganz hinten, am anderen Ende das Raums, positioniert. Dank ihrer Körpergröße mit gutem Blick auf die Szenerie, konnte sie das Frage-und-Antwort-Spiel zwischen der Presse und ihrem Chef aus dem Hintergrund beobachten.

"Es ist auch für mich ein merkwürdiges Gefühl", meinte Plassnik - ehrlicher hätte sie die ihr nachgesagte Pressescheu nicht beschreiben können. Eine Woche Bedenkzeit hatte der Kanzler Plassnik gegeben, um sich für das Außenressort zu entscheiden. "Ich habe eine schlaflose Nacht verbracht", gestand sie, "jetzt bin ich hier."

Plassnik galt von Anfang an als Favoritin für die Nachfolge von Benita Ferrero-Waldner, die ab 1. November als EU-Kommissarin nach Brüssel geht. Sie ist gelernte Diplomatin, enge Vertraute des Kanzlers - und somit die perfekte Wahl für Schüssel. Gleichzeitig entgeht er durch ihre Bestellung Regierungsumbildungen, der Frauenanteil seiner Mannschaft bleibt erhalten, und er kann sogar eine Verjüngung seines (zum Teil schon recht angegrauten) Teams argumentieren.

Als geschiedene, kinderlose und stets beruflich orientierte Frau repräsentiert Plassnik zudem einen Frauentyp, der in Schüssels schwarzem Tross der Regierung ohnehin nicht stark vertreten ist.

Errötet, aber gelassen

Plassnik wirkte bei ihrem ersten Auftritt vor den Kameras aufgeregt, aber nicht nervös. "Ich bin überzeugt, dass sie das sehr gut machen wird. Sie ist kreativ, eigenständig und wird eine eigene Handschrift entwickeln", lobte der Kanzler. "Sie müssen verzeihen, wenn ich jetzt erröte vor so viel Lob", entgegnete Plassnik kokett.

Inhaltliche Fragen beantwortete die designierte Außenministerin souverän - auch wenn sie zuvor noch um Verständnis gebeten hatte, dass sie derzeit noch keine außenpolitische Grundsatzrede halten könne. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit soll die von Ferrero-Waldner initiierte Regionale Partnerschaft sein, die sie wörtlich "mit Leben erfüllen möchte", weiters die EU-Präsidentschaft und die Ratifizierung der EU-Verfassung.

Mit "Engagement und Ernsthaftigkeit" will sie sich an die Arbeit machen, ihr Stammhaus, das Außenamt, soll zu einem "modernen Dienstleistungsunternehmen" werden. Sie freue sich auch schon auf die Zusammenarbeit mit der Presse, betonte sie - in Anspielung auf ihr bislang eher distanziertes Verhältnis zu Medien.

Plassniks Nähe zum Kanzler hatte ihr den Spitznamen "Schüssels blonder Schatten" eingebracht. "In meinem 1,72-m-Schatten steht niemand, der wesentlich größer ist als ich", scherzte der Kanzler mit Blick auf Plassniks Körpergröße. Damit sie ihn mit ihren stattlichen 1,90 nicht überragt, hatten die Mitarbeiter des Kanzleramts allerdings eigens höhenverstellbare Sessel in den Pressekonferenzraum gerollt. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2004)

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    Ursula Plassnik und Wolfgang Schüssel bei der Vorstellungs- Pressekonferenz der neuen Außenministerin

  • Die vorbereiteten Sessel in unterschiedlicher Höhe: Links der für Plassnik, rechts der für Schüssel
    foto: standard/cremer

    Die vorbereiteten Sessel in unterschiedlicher Höhe: Links der für Plassnik, rechts der für Schüssel

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