Kohlenstoffwelt kreuzt Cyberspace

24. Oktober 2004, 16:05
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Das World Wide Web ist zur größten Kontaktbörse des Universums geworden - Das Beziehungsgeflecht sprengt längst die Grenzen zwischen virtuellem und wirklichem Raum

Er wisse von zumindest drei Kindern, sagt der Zeichner, Autor und Musiker Tex Rubinowitz, die allein im Forum "Wir höflichen Paparazzi" durch anfänglich virtuelle, dann tatsächliche Kontakte entstanden seien. Rubinowitz ist Mitbegründer dieser seit dem Jahr 2000 florierenden Internet-Community, die derweilen an die 11.000 Mitglieder zählt und wie eine besonders bissige, nachgerade bösartige Großfamilie funktioniert.

"Pappen"

Wer hier mitplaudern will, muss sich seinen Rang erst durch geschliffene Schreibe erkämpfen. Wer zu oft Blödsinn verzapft, fliegt raus. Dafür sorgt ein etwa 150-köpfiges Senatorium bestehend aus verdienstvollen "Pappen", die ihre Debatten in für die Unwürdigen unsichtbaren Subnetzen führen, und zwar, so Rubinowitz, in der Manier "eines stalinistischen Parteitags".

"Paparazzi" als "soziales Experiment"

Er selbst sei in die Angelegenheit "hineingerutscht wie in den Alkoholismus", mittlerweile seien die "Paparazzi" ein "soziales Experiment" geworden, das sich eigentlich eine umfassende wissenschaftliche Studie verdient hätte: "Das Interessante ist die enorme soziale Anspannung des Ganzen. Es gibt Eifersucht und Zweifel, Revolten, riesige Krisen, und es wird unendlich viel übereinander getratscht."

World-Wide-Web-Gegenwelten

Was Rubinowitz schildert, ist nur eine der unzähligen World-Wide-Web-Gegenwelten zur - vermeintlich - "echten" Wirklichkeit, in denen sich Menschen kennen lernen, einander mögen oder auch nicht, sich austauschen, tratschen, flirten, informieren.

Ersatz- oder Zusatzfamilie

Das Internet ist längst für viele zu einer Ersatz- oder besser Zusatzfamilie geworden, in die man sich einloggen, der man aber auch fern bleiben kann, wenn's gerade nicht passt. Erfunden wurde diese Art zu kommunizieren Anfang der 80er-Jahre, als textbasierte Mailboxsysteme aufkamen und sich im Raum San Francisco erst ein paar Dutzend, und schließlich weltweit tausende kleine Mailboxes zu Netzwerken zusammenzuschließen begannen. Die Ur-Chatter waren meist männlich, jung, technisch orientiert und vor allem nächtens zugange, wenn die Telefonleitungen endlich von Eltern und Geschwistern freigemacht waren.

Black Box

Michael Eisenriegler ist einer der Gründer der legendären Black Box, die 1992 im Gefolge der kalifornischen Pioniere in Wien startete und mit einer endlich auch von Nichtinformatikern nutzbaren Software Leute mit PC, Modem und Telefonleitung zusammenbrachte. Die Chats wurden breiter, politischer, weniger techniklastig. Mit der Jahrtausendwende übersiedelte die Box in das mittlerweile omnipräsente World Wide Web.

Unendliche Vielfalt verschiedenster Interessenforen

Besiegelte die Ausbreitung, die Masse, das weltweit zugängliche "Internet" eine Art Untergang einer guten alten Zeit? Eisenriegler: "Viele Leute, die heute den Pionierzeiten der frühen 90er-Jahre nachweinen, übersehen, dass das damals eine extrem elitäre Sache war. Der Studentenanteil der Nutzer betrug gut und gerne achtzig Prozent, der Rest waren Wissenschafter und Techniker." Heute bilde das Internet die gesellschaftliche Realität weit besser ab. Zwischenzeitlich hat sich eine schier unendliche Vielfalt verschiedenster Interessenforen etabliert, die Angebote - Chatforen und dergleichen - sind meistens hochspezialisiert. Wer ein Problem lösen, eine Frage beantwortet haben will, loggt sich in eine der entsprechenden "Newsgroups" ein.

Communities

Communities, wie die höflichen Paparazzi, gehen da allerdings noch viele Schritte weiter. Wer hier reinwill, muss erst einmal seine Identität definieren - und genau das bietet die verlockenden Möglichkeiten vielfältigster Camouflage.

Idealbild von sich selbst

Die Autorin und Filmemacherin Andrea Dusl: "Die Leute werden im Netz oft zum Idealbild von sich selbst." Doch das Verstellen sei eher ein "Anfängerfehler", im Laufe der Zeit werde man authentischer. Dusl selbst ist zum Beispiel mit dem Mann, der ihre Homepage designt hat, befreundet, doch sie kennt ihn nicht. Jedenfalls nicht nach herkömmlichen Definitionen. Sie weiß nicht, wie er aussieht, denn sie hat ihn nie gesehen. Sie hat keine Ahnung, wie seine Stimme klingt, denn sie hat nie mit ihm telefoniert. Das Treffen der beiden ergab sich irgendwo im Internet, der weitere Kontakt erfolgte über mehrere Hundert Mails.

Von der Cyberwelt in die "Kohlenstoffwelt"

Andere Internetbekanntschaften gehen durchaus auch von der Cyberwelt in die "Kohlenstoffwelt" über. So versammelten sich etwa hundert Paparazzi-Chatter aus Taiwan, Kalifornien, Kanada, Finnland zu einem IRL-Treff (In Real Life) in Pappenheim, und auch Andrea Dusl hat Freundschaften übers Netz geschlossen und in Kaffeehäusern fortgesetzt. Sie sagt: "Das Seltsame dabei ist, dass die Virtualität ja Realität ist. Sobald du etwas oder jemanden ansurfst, bis du drinnen in irgendwas, da ist sofort eine Art Beziehung da."

Chat-Irrsinn

Die kann sich allerdings zu suchtähnlichen Zuständen auswachsen. Rubinowitz berichtet von Netz-Selbsthilfegruppen, in denen beratschlagt wird, wie man aus dem Chat-Irrsinn, der schließlich jede Menge Zeit verschleißt, eigentlich wieder rauskommt oder zumindest in ein Stadium eintritt, in dem man nur mehr gelegentlich postet. Hermes Phettberg beispielsweise, bei dem die Kur nicht anschlug, ließ sein Passwort aus Gründen des Selbstschutzes kurzerhand sperren. Teuflischerweise ist der Eintritt allerdings jederzeit mit jeder anderen neuen, aufregenden Identität samt neuem Passwort frei. Weltweit. (Der Standard Printausgabe, 16/17 Oktober 2004,Album, Ute Woltron)

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    bild. photodisc
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