Das Geheimnis der Kannenpflanze

22. Oktober 2004, 15:55
2 Postings

Aquaplaning an der Oberfläche des fleischfressenden Grün macht Insekten ausrutschen und fallen

Würzburg – Forscher vom Biozentrum der Uni Würzburg haben entdeckt, welche Fangvorrichtungen für den Jagderfolg der fleischfressenden Kannenpflanze am wichtigsten sind: Die Pflanze nutzt eine Mikrostruktur an der Oberfläche, die bei den Insekten zu Aquaplaning führt. Die Tiere fallen dann in die Pflanze und werden dort von Enzymen zersetzt, berichten die Forscher in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS.

Bisher hatten die Forscher verschiedene Erklärungen dafür, warum und wie die Kannenpflanze Nepenthes bicalcarata ihre zusätzliche Nahrung erbeutet. Die Fallen des Tropengewächses bestehen aus Blättern, die zu länglichen Kannen umgeformt sind und an deren Rand süßer Nektar produziert wird, der die Insekten anlockt. Unklar war auch, warum die Insekten in die Kanne hineinfallen. Die Biologen Holger Bohn und Walter Federle glauben daran, dass sie den wichtigsten, bisher völlig übersehenen Fangmechanismus entdeckt haben: Der Kannenrand weist eine regelmäßige Mikrostruktur aus radial verlaufenden Rillen auf, die selbst wiederum treppenartig aufgebaut sind. Die Stufen fallen zum Inneren der Kanne hin ab. Im Gegensatz zu fast allen anderen Pflanzenoberflächen ist diese Oberfläche komplett benetzbar, entweder mit Regenwasser oder mit dem Nektar, der am Rand der Kanne produziert wird. Sie ist darum oft mit einem dünnen Flüssigkeitsfilm überzogen. Für Insekten kommt dies einer Rutschbahn gleich.

Beobachtung mit Weberameisen

Das ausgeklügelte System haben die Forscher mit Weberameisen beobachtet. Diese haben mit Flüssigkeit gefüllte Haftkissen auf ihren Beinen. So können die Tiere selbst auf perfekt glatten Oberflächen immer noch gut Halt finden. Die Bodenhaftung ist sogar so groß, dass sie mehr als das Hundertfache ihres eigenen Körpergewichts als Zusatzlast tragen können. Hinzu kommen an jedem Fuß zwei Krallen, die der Anheftung an rauen Oberflächen dienen. Die Kannenpflanze schafft es jedoch, beide Haftmechanismen gleichzeitig wirkungslos zu machen. Indem sie den Rand ihrer Falle mit Wasser benetzt hält, nimmt sie den Haftkissen jegliche Wirkung. Und die speziell strukturierte Oberfläche sorgt dafür, dass die Krallen der Ameisen nur in einer Richtung Halt finden. Die Tiere können zwar in die Kanne hineinlaufen, aber nicht mehr aus ihr entkommen. Bei trockenem Wetter funktioniert dieser Mechanismus jedoch nicht. Ist der Rand der Pflanze allerdings benetzt, wird die Kannenpflanze zu einer tödlichen Falle.

Ähnliche Beobachtungen machten die Forscher bei anderen fleischfressenden Kannenpflanzen. Die Insekten sind für diese Pflanzenarten, die an nährstoffarmen Stellen wachsen, eine Art Zusatzfutter. (pte)

  • Die Kannenpflanze Nepenthes bicalcarata an ihrem natürlichen Standort auf der Insel Borneo.
    foto: nepenthes/pte

    Die Kannenpflanze Nepenthes bicalcarata an ihrem natürlichen Standort auf der Insel Borneo.

Share if you care.