Der Weltgeist im Hamsterrad

7. Februar 2005, 17:48
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Wenn er schreibt - was nicht all zu oft und doch zu oft der Fall ist -, dann sind es geistreiche Kommentare zur Weltlage unter einem Pseudonym...

Wenn er schreibt - was nicht all zu oft und doch zu oft der Fall ist -, dann sind es geistreiche Kommentare zur Weltlage unter einem Pseudonym, sprachlicher Feinschliff, dessen Funkeln seine Leser häufig zu eigener - gereimter, meist eher ungereimter - Produktion anregt, die er dann auf einer anderen Seite seines Blattes abdruckt, um sich bei nächster Gelegenheit darauf zu berufen: Der Weltgeist im Hamsterrad.

Wirklich neue und bedeutende Themen behandelt er aber gern im sonntäglichen Farbteil seines Blattes und unter seinem wahren, vollen Namen. Da kämpft er gegen die Sprache mit offenem Visier. Letzten Sonntag hatte es ihm die "Zauberfrau" Alma Mahler angetan. Warum, wurde nicht so recht klar, vermutlich hat er die Bücher in der Hand gehabt, die in letzter Zeit über diese Frau erschienen sind. Da juckte es ihn, eine Reportage zu schreiben - Reportage ist bekanntlich die Textsorte, bei der man das, was man bei anderen gelesen hat, in eigenen Worten nacherzählt. Schließlich ist die "Zauberfrau" sein tägliches Brot: Seite 9. Da kennt er sich aus.

Von der besagten "Zauberfrau" weiß er: Männer teilte sie in zwei Kategorien ein, in jene, die sie unterwerfen wollte, und in die anderen, die sie zu vernichten versuchte. Manchmal wechselte einer -wie Oskar Kokoschka - von der einen Kategorie in die andere. Soviel Glück hatten andere nicht. An ihrem Stiefvater Moll ließ sie kein gutes Haar und fand, er sei ein schlechter Maler, was von dem Erfolg und dem Ansehen, das seine Bilder noch heute haben, widerlegt wird.

Könnte es sein, dass unser Reporter, ein feinsinniger Kunstfreund, den einen oder anderen Moll in seiner Sammlung hat und fürchtet, sein Wert könnte sinken, wenn auch andere Almas Memoiren läsen? Na egal, auch anderen Opfern der "Zauberfrau" ging es nicht gut, Gropius holte sie sich "mit eisernen Krallen", wie sie in ihren Memoiren schrieb, und als Alma nicht mehr die Zauberfrau von einst war, heiratete sie den sehr bekannten Schriftsteller Franz Werfel. Er konnte schreiben und schuf gute Romane, politisch war er jedoch ein Chaot. Einem, der im Schreiben ebenso zu Hause ist wie in der Politik, kann man nichts vormachen.

Vor allem dann nicht, wenn er gewissermaßen mit der "Zauberfrau" aus denselben Löffeln schlürfte. Zu ihrer Hochzeit mit Werfel, dem politischen Chaoten, hatte ihr der berühmte Hoffmann ein wunderschönes Silberbesteck geschenkt. Oft in Spitalsbetten gezwungen, schenkte sie den Schwestern ab und zu als "Trinkgeld" ein Stück daraus. Eines Tages kaufte ich ihr den Rest des Bestecks ab; einige Stücke fehlten ja . . . Das war das Ende der Zauberfrau von einst.

Wie Hans Dichand der Zauberfrau ihren Zauber abkaufte - zu ihrem Wohle, versteht sich, einige Stücke fehlten ja -, war gewiss ergreifend zu lesen und Grund genug, die Leser von dem Happy End zu informieren. Noch ergreifender nur das Schicksal Oskar Kokoschkas, beschrieben in einem eigenen Kasten: Wir haben es in unserer Reportage über Alma Mahler-Werfel schon geschildert, aber doppelt hält besser. Ohne Alma konnte er nicht leben, glaubte er. So meldete er sich im Ersten Weltkrieg zur Kavallerie und wurde auch gleich lebensgefährlich verwundet. So kam er zurück nach Wien und konnten den Weg zur Geliebten nicht mehr finden. Er war noch jung und sehr stark in seiner Liebe. So litt er unsäglich, bis sich in seiner Seele ein untauglicher Ausweg entwickelte. Soso.

So gab er also eine Puppe in Auftrag. Alles sollte echt wirken und auch für die Liebe, ja, Sie haben schon richtig gelesen - und sollten Sie es noch immer nicht geschnallt haben -, für die körperliche Liebe geeignet sein. Das kommt davon, wenn sich in einer Seele ein untauglicher Ausweg entwickelt. Auch nicht untauglicher als die Schmuddelfotos von Seite 9, und überhaupt - was heißt untauglich? Kokoschka ging mit der Puppe über die Kärntner Straße spazieren. Wenn er in die Oper ging, musste er eine eigene Eintrittskarte für sie nehmen. Aber konnte er eigentlich mit diesem nur gut zusammengeflickten Fetzen zufrieden sein? Mit dem, was er von ihr verlangte?

Bei dieser Ungewissheit wollen wir es belassen, und uns dem mit h. d. gezeichneten Text unter einem Foto amerikanischer Neonazis in einschlägigen Uniformen zuwenden, Seite 3 der bunten "Krone". Diese Aufnahme wurde erst vor kurzem in Pennsylvania gemacht, und was h. d. den trotzig verschlossenen Lippen der Marschierer ablas, deutet auf reinste Hellseherei.

Aber singen können sie, wenn sie sich so in ihren sehr improvisierten Uniformen treffen. Die Texte sind noch immer gewaltverkündend, aber nicht mehr ernst: "Wer sich unserer Fahne verschwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört." Und so weiter. Oder eines der Lieder aus Österreich: "Schwarze Fahne halte stand, Sturmgewitter ziehen durchs Land."

Ging da sein Pegasus mit ihm durch? Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Fotografie eine wunderbare Kunst ist, die das Lied, das in manchen Dingen liegt, oft unverhofft zum Klingen bringt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.10.2004)

Von Günter Traxler
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