Wenn einem das blaue Licht aufgeht

22. Oktober 2004, 16:10
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Geistesblitze als Momen­te der Erkenntnis nach gereiftem Denkprozess - Physiker Emil List ermöglicht "Bildschirme zum Aufrollen"

Den Biografen von Isaac Newton zufolge soll ein vom Baum fallender Apfel den "Geistesblitz" ausgelöst haben, mit dem der berühmte britische Physiker erkannte, dass auch die Himmelsmechanik auf der Gravitation beruht. "In vielen Fällen, zumindest in meinem", sagt Emil List, Professor für Festkörperphysik der Technischen Universität Graz, "sind Geistesblitze aber eher der Moment der Erkenntnis nach einem lange gereiften Denkprozess." Dem 32-jährigen Shootingstar ging in einem solchen Moment aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht auf - ein blaues Licht. Er erhielt dafür den Kohlrausch-Preis - die höchste Auszeichnung für Nachwuchsforscher in der Experimentalphysik.

List untersuchte die Eigenschaften von elektroaktiven Polymeren. Das sind Kunststoffe, die Licht unter Anregung emittieren. Das Problem dabei bisher: "Blau emittierende Kunststoffe wurden ab einer gewissen Einsatzdauer immer grün, und Physik und Chemie wussten nie genau, warum", erklärt er. Den chemischen Defekt der Molekülketten dieser blau emittierenden Kunststoffe hat List entschlüsselt und behoben, womit der Weg frei wäre für eine neue Generation von farbstabilen Displays: "Bildschirme zum Aufrollen" nennt er die flexiblen, zwei Millimeter dicken Kunststoffbildschirme, die man in beliebiger Größe ausdrucken kann. Der Vorteil: Statt wie bei den derzeitigen LC-Bildschirmen aus Flüssigkristallen, die ausschließlich auf Hintergrundbeleuchtung ausgerichtet sind, leuchtet nun jedes Pixel selbst, was zu einer Vereinfachung im Aufbau und zu einem brillanteren Bild führt. Im Unterschied zu den derzeitigen Flachbildschirmen soll sich die neue Generation außerdem von der Seite ebenso gut betrachten lassen wie von vorne.

Isotec-Projekt

Doch das ist nicht die einzige Zukunftsforschung, die List betreibt. Seine wegweisenden Arbeiten bieten außerdem die Basis für seine wissenschaftliche Tätigkeit als Leiter des Christian-Doppler-Labors für Advanced Functional Materials. Zudem koordiniert der Grazer zusammen mit Joanneum Research das Isotec-Projekt, eine mit 3,6 Millionen Euro von der Bundesregierung geförderte, interdisziplinäre Nanotech-Initiative. Dabei soll die Technologie für integrierte Sensoren entwickelt werden. Mit integrierten Sensoren können Informationen berührungslos gelesen werden - sei es im Supermarkt, wo am Ausgang die Waren automatisch von der Kreditkarte abgebucht werden, im Kühlschrank, der meldet, ob die Milch sauer ist, oder am Arbeitsplatz, wo die Schadstoffe in der Raumluft gemessen werden. Schwummrig wird List angesichts solch technologischen Fortschritts, der Alltag und Zahlungsmodalitäten von Grund auf verändern könnte, nicht: "Es kommt ganz darauf an, wie man diese Technologien einsetzt", sagt er.

Seine Projekte sollten den jungen Physiker, der schon so viel erreicht hat, für die kommenden Jahre beschäftigen. Er sei ein "Vielarbeiter", sagt List, und: "Ich habe eine sehr verständnisvolle Partnerin." Nach "mehreren Jahren der 80-Stunden-Wochen" wolle er sich jedoch in Zukunft "nicht mehr ausschließlich der Arbeit" widmen, sondern vielleicht - als Cineast - auch ab und zu ins Kino gehen. Was möglich werden könnte, denn: "Im Doppler-Labor habe ich nun an die 15 Mitarbeiter, die mich zu 100 Prozent unterstützen." (Eva Stanzl/DER STANDARD, Printausgabe, 16.-17.10.2004)

  • Emil List
    illustration: der standard/carla müller

    Emil List

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