Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein"

22. Oktober 2004, 23:37
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"Der Herr meines Namens ist verreist." An die Stelle der Selbstdefinition tritt das Rollenspiel der ernüchterten Moderne

Wenn Liebe blind macht, dann macht einen die Eifersucht sehend. Und doch ist auch sie nur eine andere Art von Sehstörung, eine, die bewirkt, dass man überall Gespenster sieht wie unter einer halluzinogenen Droge, bis man selbst zu einem unerlösten Geist geworden ist, der durch das eigene Leben spukt und mit den Ketten rasselt, die ihn an einen anderen Menschen binden, süchtig nach der Augentäuschung.

Davon handelt Max Frischs 1964 erstmals erschienener Roman Mein Name sei Gantenbein, in dem es einmal heißt: "Ich lechze nach Verrat", denn "was mich nicht verrät, verfällt dem Verdacht, dass es nur in meiner Einbildung lebt." Alles beginnt damit, dass ein Mann zum Optiker geht und sich eine Blindenbrille kauft, als Tarnung, denn der Mann hat keineswegs sein Augenlicht verloren. Es sind vielmehr die anderen, die ihn für blind halten sollen, damit er sie mit Röntgenblick besser beobachten kann, als lägen sie vor ihm wie auf einen Objektträger gespannt.

Er will sehen, wie die Welt ihn belügt und betrügt, täuscht und hintergeht, er will als Undercover-Agent mit schwarzer Brille den großen Hochstapler Leben überführen, der ihm seine Unterschrift abgejagt hat, als habe unter der Heiratsurkunde Durchschlagpapier gelegen und er, ohne es zu wissen, seine Seele dem Teufel verkauft.

Wer Beobachter ist, braucht eine Arbeitshypothese, um die Daten zu ordnen, und diese Ordnung schafft das Erzählen selbst. Der Schreibtisch wird dem Erzähler, der mal ein Er ist, mal ein Ich, zum Experimentiertisch, und jedes Protokoll in seiner Versuchsreihe über die Liebe beginnt mit der Formel "Ich stelle mir vor".

"Der Herr meines Namens ist verreist." An die Stelle der tautologischen Selbstdefinition Gottes "Ich bin, der ich bin" tritt das luziferische Rollenspiel der ernüchterten Moderne: "Ich ist ein Anderer." Und dieser Andere, der man selbst ist, "probiert Geschichten an wie Kleider". Doch die entscheidende Erfahrung, das ahnt der Erzähler voraus, wird sein: Egal, was er sich überwirft, "immer entstehen die gleichen Falten am gleichen Ort".

Niemals zuvor hat Frisch so leicht, geradezu moussierend geschrieben; der Roman hat das spontane Temperament der schnell hingeworfenen Skizze und zugleich die Ökonomie der mit wenigen sicheren Strichen erfassten Kontur. Er endet naturgemäß offen: Der Erzähler erkennt sich wieder in einer Wasserleiche, die "abschwimmt" ohne Geschichte, und setzt das trügerische Idyll bürgerlichen Ehebehagens hart dagegen. Für welche Geschichte man sich entscheidet, hängt wie bei einer Bifokalbrille allein davon ab, wie nah oder fern man seine eigene Welt betrachten will.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.10.2004)

Von Christopher Schmidt
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    foto: sz bibliothek
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