Jelinek unter Freunden

15. Oktober 2004, 19:31
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Schriftsteller Richard Schuberth zur Begeisterung über die angebliche "Empfindlichkeit" der Nobelpreisträgerin

Gott schütze mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich selbst fertig, mag sich Elfriede Jelinek gedacht haben, als sich nach der Entscheidung der schwedischen Akademie echte und selbst ernannte Freunde ins Scheinwerferlicht drängten, das sie aus guten Gründen scheut. Doch selbst der Sympathie, die der Autorin neuerdings entgegenschlägt, lassen sich die Ressentiments mitunter ablesen wie den Hl. Drei Königen die Geldgier vom Gesicht.

Günter Nenning etwa, seit 50 Jahren pragmatisierter Lustgreis der Nation, brachte die österreichische Liebe zu Jelinek am ehrlichsten auf den Punkt – "Ich liebe sie, und weil sie sich mir verweigert, liebe ich sie desto mehr" – und entblößte damit die Essenz unbefriedigter patriarchaler Besitzgier, welche sprachlich zu bannen Jelineks großes Verdienst ist. "Sie ist unser, die unmögliche Liebe zu ihr ist möglich", blies der "Landvermesser" zur Conquista des renitenten Bezirks Jelinek.

"Ein Freudenfest für die österreichische Literatur", frohlockte Gerhard Ruiss in seiner Funktion als Sprecher der nationalen Trittbrettfahrer von Jelineks Erfolg und entbot ihr seine "uneingeschränkte Gratulation", was vermuten lässt, dass eine Einschränkung zur Diskussion stand. Gilt der Literaturnobelpreis der österreichischen Literatur, so gilt er in logischer Folge – wie Kunststaatssekretär Morak einen Schritt weitergeht – doch vorrangig den österreichischen Steuerzahlern, die jene seit jeher übers Kulturbudget gemästet hätten.

Die netteste Reaktion entrang sich indes Christian Ide Hintze: "Wow! Yauu! Huuu!!", lautmalte er, ganz Wiener Schule für Dichtung, spontan und verriet sogleich deren oberstes Formprinzip: "Da bleibt einem im ersten Moment die Sprache weg!"

Dass Elfriede Jelinek in keinem Moment ihres Schaffens die Sprache wegblieb, scheint man ihr am wenigsten zu verzeihen. Wie anders ließe sich erklären, dass allerorts, vom Provinzblatt bis rauf zu den Juroren der Schwedischen Akademie, ihre angebliche Wut, Verzweiflung und Verletzlichkeit, auch ihr außerliterarisches Engagement in die Waagschale gelegt werden, als ginge es beim Nobelpreis nicht um die Auszeichnung sprachlicher Kunst, sondern exzentrischer Idiosynkrasien.

Marcel Reich-Ranicki sagt es frei heraus: "Meine Bewunderung für ihr Werk hält sich in Grenzen. Meine Sympathie für ihren Mut, ihre Radikalität, ihre Entschlossenheit und ihre Wut ist enorm." Oberheulsuse Claus Peymann zeigte sich stellvertretend für die Geehrte zu Tränen gerührt und schwulstete Jelinek zu einer "Kassandra" hoch, deren kosmischer "Schmerz" sie "an den gefährlichsten Abgrund ihres Lebens geführt hat".

Kunst soll Schmerz beredt machen, und Wut ist ein großartiges Movens literarischer Produktion. Diese aber nachträglich in Jelineks Werke hineinzupsychologisieren ist nichts als die Ranküne derer, die sich von Jelinek um das Schöne, Gute und Wahre betrogen fühlen.

In den Werken der Elfriede Jelinek ist bekanntlich nicht der Mensch Subjekt, sondern die Sprache. Und nur wer über die Kongruenz von Sprache und Wirklichkeit Bescheid weiß, dem erschließt sich ihr Witz in all seinen Spektralfarben. Ein Witz, der dem Vorbild des angelsächsischen wit folgend, nicht einmütige Heiterkeit, sondern das Hohnlachen der Erkenntnis evoziert – und in Jelineks Sprachbildern stets auf ein Grundmotiv rekurriert, das tragisch-komische Phantasma der Individualität und ihre zwingende Uneinlösbarkeit.

Wer unerträgliche Wahrheiten kolportiert, gilt als unerträglich; wer dies auch noch in ausgefeilter künstlerischer Form tut, als selbstgefällig, und wer obendrein an beidem Spaß findet, als pervers. Darum auch die eidesstattlichen Erklärungen, die Künstlern abgezwungen werden, dass ihre Gesellschaftskritik nicht ohne die schwierige Kindheit in St.Corona am Wechsel oder sonst wo, ihrem Nervenleiden oder notorischem Männer- oder Frauenhass gedacht werden dürfe und gefälligst in einer frei assoziativen Sprache zu verfassen sei, die den Kulturgourmant mit dem Wiedererkennungseffekt zur folkloristischen Phrase erstarrter Progressivität füttern soll.

Was aber, wenn jemand wie Jelinek die literarische Avantgarde vor dekorativer Willkür rettet, und obendrein die Frechheit besitzt, das mit sprachlicher Präzision, Gedankenschärfe, Smartness und bodenloser Fantasie zu tun? Man erklärt kurzerhand den Tag zur Nacht, das Meer zur Wüste und Elfriede Jelinek, wie Reich-Ranicki es tat, zur "höchst nervösen, sehr empfindlichen und sensiblen Frau".

Weil sie uns den heiß begehrten psychologischen Roman verweigerte, mussten wir sie zwangspsychologisieren.

Noch bevor sich die Preisträgerin zu Wort melden konnte, betätigten sich die Medien als Psychodiagnostiker, so zum Beispiel am Tag der Juryentscheidung in einem ORF-Magazin mit dem bedrohlichen Titel "Willkommen Österreich", wo ein zum Aquariumswärter avancierter Heinz Sichrovsky den besorgten Moderatoren Wolfram Pirchner und Lizzy Engstler über "Elfriedes" Seelenzustand referierte, als handele es sich bei ihr um ein an Trübsal erkranktes Exemplar einer aussterbenden Walart.

Die große Satirikerin scheut die Öffentlichkeit zu Recht, solange diese es an scheuem Respekt vor ihr fehlen lässt. Jelineks Werke – das will ich zum Schluss gestehen – zählen zu den wenigen deutschsprachigen, die mich zu lautem Lachen reizen. Ich brauche bloß wahllos in Burgtheater blättern oder in der (von Michael Haneke in ein französisches Rührstück umgefälschten) Klavierspielerin und dort Sätze lesen wie "Kaffeefrech sitzt die Mutter in der Wohnküche und träufelt ihre Befehle herum" oder von den vierzehnjährigen Mädchen, "die noch mit dem Schrecken der Welt kätzchenartig herumspielen, bevor sie selbst ein Teil des Schreckens werden" – und schon kann ich mich nicht mehr halten, in der freudigen Hoffnung, der Autorin ging es bei der Niederschrift nicht anders.

Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Elfriede Jelinek ist wahrscheinlich das größte Missverständnis in der Geschichte der Kulturindustrie, wiewohl das wunderbarste.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

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Der Schriftsteller Richard Schuberth, Jg. 1968, lebt in Wien; am Freitag wurde sein Stück "Freitag in Sarajevo" ebendort uraufgeführt; Text gekürzt.

  • Richard Schuberth
    foto: marko lipus

    Richard Schuberth

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