Kriminalität im Nadelstreif boomt

24. Oktober 2004, 19:24
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EU-Subventions-, Kredit- und Anlage­betrug sind die "Trends" der Wirtschafts­kriminalität - Westliche Gauner richten im Osten größere Schäden an als Ostgangster in Österreich

Wien - Die Osterweitung hat in den neuen EU-Staaten bisher weit höhere Schäden durch grenzüberschreitende Wirtschaftskriminalität verursacht als Kriminalität aus den Ostländern in der "alten EU". Während etwa in Österreich Massendelikte wie der Ladendiebstahl stark steigen, setzen die Gauner aus dem Westen auf große Coups. Sie treten dabei als selbst ernannte Vermögensberater, Sanierer oder Privatisierer aus dem goldenen Westen auf und tun sich mit politisch korrupten Abzockern vor Ort zusammen, die Vermögen und Produktionsmittel aus ehemaligen Staatsbetrieben abgezweigt haben.

In der Folge wird Geld im großem Stil ins Ausland verschoben. So seien Fälle, bei denen es um zweistellige Millionenbeträge gehe, keine Ausnahme, erläutert der Wiener Polizeipräsident Peter Stiedl im Gespräch mit dem STANDARD.

Roland Horngacher, Leiter des Wiener Kriminalamtes, hat tagtäglich mit Fällen wie dem jüngsten zu tun, wo "der Fahrer einer Luxuskarosse, der an der tschechischen Grenze angehalten wurde, nicht erklären konnte, warum er 33.000 Euro, zu dicken Geldbündel geschnürt, in seinem Auto versteckt hatte."

Großangelegter Betrug

Auch wenn Österreich durchaus ein Markt für Geldwäsche ist, gehen die Ermittler davon aus, dass auch 2007 - wenn die Beitrittswerber Bulgarien und Rumänien zur EU stoßen - die postkommunistischen Staaten viel mehr vor steigender Kriminalität im Wirtschaftssektor zittern müssen als die "alten EU-Staaten" - etwa Österreich. Hier fließt die hausgemachte, kriminelle Energie in der Ökonomie derzeit vor allem in Richtung Scheinfirmen, Internet-, Kredit-, Anlagen- und Subventionsbetrug.

Letzterer findet vor allem im Agrarbereich statt, wo es bei den EU-Förderungen viel zu holen gibt, so beide Experten. Dabei täuschen Unternehmen Subventionsansprüche und fingierte Kosten vor. Die Betrüger setzen dabei vor allem auf den Umstand, dass ihre Behauptungen bei den großen Anzahl der Teilprojekte nur äußerst schwierig im Detail zu überprüfen seien. Für die Fahnder äußerst schwer zu fassen sind zudem die Gründer von Scheinfirmen, die arbeiten, und kassieren, vor der Entrichtung von Abgaben bzw. vor der Lohnauszahlung aber abtauchen. War dies noch vor kurzem ein Problem, dass vor allem Wien und den Bau betraf, geht es damit jetzt auch bereits in Westösterreich los.

Das Internet wiederum würde in jüngster Zeit vor allem für Kreditkartenbetrug genutzt, wobei Kartendaten Dritter von Hackern abgesaugt und dann damit eingekauft wurde. Kreditbetrüger treten vor allem mit falschen Identitäten und vorgetäuschten Sicherstellungen auf, wobei die Fahnder bei den immer öfter auftretenden Überweisungsbetrügereien erst gar nicht weiter ins Detail gehen wollen. Bis ins Detail bekannt müssten hingegen auch in der breiten Öffentlichkeit bereits viele Spielarten des Anlagebetrugs sein, bei dem die Täter vor allem Bestverdienende, eigentlich Hochgebildete und ihr (Schwarz-)Geld im Visier haben.

Doch die Gier siegt anscheinend immer wieder aufs Neue, so Stiedl. Manche glauben ernsthaft, dass sie in 40 Banktagen 60 Prozent ihres eingesetzten Kapitals abcashen können.

Gier statt Hirn

So gebe es etwa Leute, die auf "Briefe aus Nigeria" hereinfallen. Darin wird dem Empfänger angeboten, auf die Schnelle ordentlich abzusahnen, wenn er bei der Transaktion einer enormen Summe behilflich ist, indem er sein Konto quasi als Zwischenstation zur Verfügung stellt. Von den geforderten hohen Vorauszahlungen sieht der "Anleger" dann natürlich genau so wenig, wie vom leicht verdienten Zusatzcash. "Die Gaunerei hat Grenzen, die Dummheit anscheinend nie", schüttelt Horngacher den Kopf. Schätzungen zufolge machen Wirtschaftsdelikte nur drei Prozent der gesamten aktenkundigen Kriminalität, aber über 50 Prozent der Schadenssumme aus. Wenn Firmen von ihren Mitarbeitern geschädigt werden, sind mehr als die Hälfte der Täter im Management zu finden, sieben Prozent sogar in der Topetage. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

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