In-Vitra-Möbilisation

10. Dezember 2004, 19:18
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Designklassiker und solche, die es noch werden wollen: Mit seiner Home-Kollektion orientiert sich Vitra neu

Es war der erste ganz aus Kunststoff gefertigte Hocker der Designgeschichte. Ein robustes, dreibeiniges Möbel, das bald schon nur mehr der "Elephant Stool" genannt wurde, zum einen aufgrund seiner Form, zum anderen, weil sein Designer im selben Jahr, als er den Elefanten schuf, also im Jahre 1954, auch einen "Butterfly Stool" kreiert hatte.

Sori Yanagis mittlerweile legendärer Hocker, den er in Kooperation mit dem Vitra Design Museum neu edierte (im Unterschied zum Original ist er aus Polypropylen-Spritzguss), ist eines der Highlights in Vitras neuer Home-Kollektion. Flankiert wird er unter anderem von neu edierten Klassikern von Ray und Charles Eames, Verner Panton oder Jean Prouvé - und einer Reihe neuer Entwürfe von Jasper Morrison und den Brüdern Bouroullec.

Nach der Konzentration auf den Büromarkt in den vergangenen Jahrzehnten und dem kulturellen Engagement vor allem durch das Vitra Design Museum, kommt die Home-Kollektion einer Neuausrichtung Vitras gleich. Zu einer Zeit, in der immer mehr Firmen in den Wohnbereich vordringen, Modekonzerne, etwa Armani oder Ralph Lauren, Home-Kollektionen vorstellen, will auch der Möbelhersteller Vitra in einem Bereich mitmischen, in dem er bei genauerer Betrachtung schon immer initiativ war. Nur eben nicht in einem solch großen Maßstab.

Der Beginn der Produktion der Eames-und Nelson-Möbel Ende der Fünfzigerjahre war für Vitra der Startschuss für die Erzeugung von Möbeln, die sowohl im Wohn- wie auch im Bürobereich eingesetzt wurden. Der Trend der Vermischung der Wohn- und Arbeitsbereiche hat sich vor allem in den vergangenen Jahren in einem ungeahnten Maße verstärkt, weswegen auch die jetzige Kollektion die beiden Sphären nicht voneinander trennen will. "Das Konzept der Collage" nennt Rolf Fehlbaum, Kopf von Vitra, das Prinzip, im Grunde ist es aber wohl eher eine Zusammenführung zweier Stärken von Vitra, die Designklassiker in ein modernes Wohn-und Arbeitsinterieur zu integrieren.

Die Collage-Idee betrifft allerdings auch die beiden bzw. die drei federführenden Designer der Kollektion selbst. Jasper Morrison, der Purist unter den Designern, der in seinen Entwürfen auf jegliche Schnörkel verzichtet, und die Bouroullecs, die mit ihren bunten, verspielten Arbeiten eine gänzlich andere Philosophie verfolgen, zusammenzuspannen, verspricht eine denkbar heterogene Kollektion. So kann der Käufer den selbst zusammenbastelbaren Algenvorhang der Bouroullecs hinter eines der schlichten Park-Sofas von Morrison hängen oder Morrisons ATM Dining Table auf die wunderbaren zusammenzippbaren Filzteppiche der beiden französischen Designer stellen. Daneben gruppiert man dann Josef Albers' "Nesting Tables" oder die Amöben-Sofas von Verner Panton.

Witzige Signale

Manche der von den drei Designern eingebrachten Entwürfe kennt man so oder in einer etwas anderen Ausführung bereits. Morrison nahm seinen stapelbaren Sim-Stuhl aus dem Jahre 1998 wieder auf, ersetzte den Kunststoff durch einen Textilstrumpf und nennt ihn jetzt Soft Sim (Besonders hübsch ist der Soft Sim Low mit seinen veränderten Proportionen). Die Bouroullecs bringen dagegen unter anderem das Self-Regal aus dem Jahre 2000 in die Home-Kollektion ein, ein aus zwei Elementen bestehendes Möbel, dem der Benutzer selbst seine Form gibt.

Unter den eigens für die Linie entworfenen neuen Produkten sticht die Box der Bouroullecs heraus, ein weich gerundetes Staumöbel und Beistelltisch in einem, bei dem durch ein Loch im Boden Kabel von unten her in das Innere der Box geführt werden können. Unter Morrisons Produkten sind die aus Kork-Granulat gedrechselten Hocker ein witziges Signal, Mut für Materialien zu beweisen, die vorzugsweise in anderen Kontexten eingesetzt werden.

So durchdacht Vitras Home-Kollektion auch ist, dem Käufer bietet sie große Freiheiten: Nicht nur, dass er aus siebzig Jahren Designgeschichte seine Favoriten aussuchen muss, zwischen Yanagis 50-Euro-Hocker und dem 4500 Euro teuren Lounge-Chair der Eames besteht auch in finanzieller Hinsicht ein gehöriger Unterschied. Originale sind sie aber trotzdem beide. (DERSTANDARD/rondo/hil/15/10/04)

  • Artikelbild
    foto: vitra/andreas sütterlin
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