Kampf um die Küche

26. Oktober 2004, 18:21
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Die perfekt funktionierende Küche entwarf 1923 eine Frau, 60 Jahre forderte ein Mann, dass wieder mehr geredet wird. Über männliche und weibliche Küchenkonzepte und -vorlieben berichtet Oliver Elser

Drei Revolutionen fanden in der Küche statt, ließen das Pendel einmal mehr in die "weibliche", einmal mehr in die "männliche" Richtung ausschlagen. Ausgerechnet eine Frau, die Österreicherin Grete Schütte-Lihotzky, entwarf im Jahre 1923 die "Frankfurter Küche". Der Siegeszug währte nur kurz, dann erschien sie vielen als Symbol für die Versklavung der Hausfrau durch den Mann. Was als Baustein der "Wohnung für das Existenzminimum" gedacht war, also als segensreiche Maßnahme, die große Wohnungsnot in den Städten zu mindern, wurde zur Falle für die Hausfrau. Nur noch Kochen, abgekoppelt von der Familie, die nebenan darauf wartet, dass die Speisen aufgetragen werden, mehr war auf den wenigen Quadratmetern durchrationalisierten Raums nicht mehr möglich. Aus der Notmaßnahme wurde trauriger Standard.

Ausgerechnet ein Mann, der Designer Otl Aicher, nahm sich 60 Jahre später wieder die Küche vor. Zwar war zuvor schon der Esstisch aus seinem Exil zurückgekehrt, aber Aicher genügte das nicht. Er hatte sich immer geweigert, Produkte zu entwerfen. Gestaltung war für ihn eine viel grundsätzlichere Aufgabe, die ein ganzes Lebensumfeld mit einschließen muss, sei es bei den Olympischen Spielen in München, für die er Piktogramme entwarf, oder beim Corporate Design für die Lufthansa. Ergebnis seiner Überlegungen zur Küche war ein wunderbares, in mehreren Auflagen nachgedrucktes Buch: Die Küche zum Kochen - Das Ende einer Architekturdoktrin.

Otl Aicher hat die ideale, kommunikative Küche weder speziell für Männer noch für Frauen entworfen. Aber er hat das Korsett der Nachkriegsküchen endgültig abgestreift, in dem durchschnittlich mehr Frauen als Männer eingesperrt waren. Nur hat sich Aichers freistehender Arbeitstisch mit einem Loch für Bioabfälle bis heute nicht durchgesetzt.

Dass gegenwärtig die dritte Revolution in der Küche stattfindet, hat daran nichts ändern können. Die Revolutionäre sind namenlos, aber männlichen Geschlechts. Als Branco Poljakovic als Küchenberater anfing, das war vor elf Jahren, "kamen die Frauen zum Auswählen und die Männer später zum Zahlen", erinnert sich der Geschäftsführer des Dan-Küchenstudios in Wien-Favoriten. Seit drei bis vier Jahren sei das Verhältnis von Männern und Frauen unter seinen Kunden etwa gleich. Aber die Bedürfnisse sind unterschiedlich. Männer seien mehr an Technik interessiert, Frauen eher daran, ob die Küche gut sauber zu halten ist. Was wohl bedeutet, dass immer mehr Männer kochen, es bei den Frauen aber hängen bleibt hinterher aufzuräumen.

Im Bulthaup-Küchenstudio am Opernring hat man ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Anwesenheit der Männer in der Küche zeige sich vor allem im sprunghaften Anstieg der Arbeitsflächenhöhe. Laut Ö-Norm beträgt sie 85 Zentimeter, doch mittlerweile würden die Bulthaup-Küchen mit durchschnittlich 92 Zentimetern ausgeliefert. Auch 96 Zentimeter, wie von Otl Aicher empfohlen, der selbst nicht besonders groß war, sind keine Seltenheit. Männer, heißt es bei Bulthaup, hätten zur Küche trotz des hohen Preises ein Verhältnis wie zu einer Werkbank. 70 Prozent der männlichen Kunden wählen Arbeitsflächen aus gebürstetem Edelstahl, die selbst bei einem Gelegenheitskoch sofort verkratzen. Bei den weiblichen Kunden hingegen bevorzugen nur 30 Prozent das schön empfindliche Material.

Die ungeliebte Reinigung übrigens meinte einmal ein Bulthaup-Kunde auf die rabiate Art erledigen zu können: Die Kaltwasser-Brause an der Kochstelle, ein Profil-Zubehör zum Füllen der Töpfe, wollte er dazu verwenden, den Küchenblock wie ein Auto abzuduschen. (DERSTANDARD/rondo/15/10/04)

  • Artikelbild
    foto: bulthaup b3
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