Schärfung des Blicks aus der Fremde

18. Oktober 2004, 03:44
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Gitarrenspagat und Volksmusik im Fokus: Helmut Jasbar am Sonntag im Birdland

Wien - "Ich habe immer Musiker bewundert, die stolz auf ihre Volksmusik waren. Madrilenen, die Jazz-Flamenco spielen können, obwohl auch sie die Erfahrung des Faschismus gemacht haben. Oder Amerikaner, die selbstverständlich mit ihrer Hillbilly-Tradition umgehen. Während die musikalischen Zeitgenossen Wiens diese Tradition zumeist ignorieren."

Die Fremde schärft bekanntlich den Blick auf das Eigene. Gerade bei einem Weltenbummler wie Helmut Jasbar: Alaska, Südafrika, Jakarta und die USA waren einige der Stationen, in denen sich der Gitarrist Anfang der 90er-Jahre einen Namen machte.

Eine Auftragskomposition für Saitenguru David Russell, ein Gastspiel mit jazzbeeinflussten Eigenkompositionen beim Havana Guitar Festival, ein Konzert mit fingerbrecherischen Transkriptionen Bach'scher Toccaten in der New Yorker Avery Fisher Hall: Helmut Jasbar, das war der bunte Gitarren-Vogel, der durch die Kontinente flatterte. Und der, wenn er die Heimat ansteuerte, zu mitunter harten Landungen gezwungen war:

"Ich musste nach meiner Zeit in den USA in Wien erst einmal schlucken und mich fragen: ,Hau ich wieder ab oder bleibe ich?'", so Jasbar. "Der Kontrast war groß: "'Drüben' faszinierte mich die Leichtigkeit, mit der Dinge zu initiieren sind - ohne gleich an politische oder andere Grenzen zu stoßen."

Das erste Projekt, mit dem Jasbar Wien thematisierte, ging unter als "bleierne Ente": Wahnsinnige Sehnsucht hieß das 1997 bei Extraplatte publizierte Album, mit dem er seiner Zerrissenheit eine romantische Projektionsfläche, getragen von Schubert- und Caspar-Joseph-Mertz-Stücken, schuf - und sich damit zwischen alle Stühle setzte.

Für Jasbar eine Motivation, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Auch wenn mittlerweile gewisse "Reibungsverluste" eingetreten sind: Die Zeit des Klinkenputzens ist für den 42-Jährigen auch hier zu Lande vorbei, stattdessen öffnet er selbst Türen, indem er am Mozarteum Salzburg unterrichtet und als Ö1-Mitarbeiter - als der er den "Pasticcio-Preis" initiiert hat, wobei er aufpassen muss, dass er "als Moderator nicht bekannter wird als als Gitarrist".

Volksmusik im Fokus

Mit Birds of Vienna (Universal Music) nähert sich Jasbar nun aus der Perspektive der Volksmusik erneut seinem Thema an. Im CD-Booklet liest man die trotzige Frage, weshalb "denn nur Spießer von Heimat reden [sollen] dürfen?" Erläuternder Nachsatz im Interview: "Wir haben das auch der Sozialdemokratie zu verdanken, die dieses Feld der Rechten überlassen hat. Dafür ist der Begriff aber zu wichtig, finde ich."

Birds of Vienna spiegelt denn auch Jasbars Ambivalenz, seine Hassliebe im Wechselspiel von Nähe und Distanz, Identifikation und Dekonstruktion, anschaulich wider. Johann Strauß erwacht aus einem Albtraum und sieht sein "Wiener Blut" wie im Zerrspiegel in alle Richtungen zerfließen.

Walzer geraten außer Kontrolle und driften in den Orient ab, Polkas laufen Amok. Jasbar: "Wenn sich der Hörer nach dem Stück unschlüssig fragt, was er denn da gehört hat, dann habe ich ihn erreicht. Denn dann habe ich meinen eigenen Nachdenkprozess auf ihn übertragen."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2004)

Von
Andreas Felber

17. 10., 21.00
Birdland

Karten:
(01)2196393-15

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    Helmut Jasbar

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