Leben von 73 Cent pro Tag

17. Oktober 2004, 18:00
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Neuerdings sprudelnde Petrodollars sollen dem bitterarmem Tschad auf die Beine helfen

N'Djamena/Wien - Zehntausende Flüchtlinge aus Darfour überschritten die Grenze, ließen sich in unübersichtlichen Lagern nieder, stellten Hilfsorganisationen und erst recht den bitterarmen Tschad vor kaum bewältigbare Probleme. Wie sollte ein Land, dessen Einwohner von durchschnittlich 73 Cent pro Tag leben müssen, dessen Platz im Ranking des UN-Human Developement Report der 167. von 177 ist, sich denn auch noch um Flüchtlinge aus dem Sudan kümmern?

Das war die Nachrichtenlage in diesem Sommer. Ende Juli gab es aber auch Gutes aus dem Tschad zu berichten: Die Regierung unter Präsident Idriss Déby setzte gemeinsam mit der Weltbank ein verwegenes Projekt um. Sie verpflichtete sich 80 Prozent der Öleinnahmen für soziale Projekte und Infrastruktur auszugeben. N'Djamena überwies vier Fünftel der im Juli erstmals verdienten 38 Millionen Dollar aus dem 2003 entdeckten Feld Doba an die Weltbank in London, die das Geld über ein Komitee an konkrete Projekte ausschüttet. So soll verhindert werden, dass sich bloß eine Elite - wie anderswo in Afrika - an den im Laufe der nächsten 20 Jahre erwarteten zwei Milliarden Dollar Öleinnahmen bereichert, während der Großteil der Bevölkerung so arm bleibt wie zuvor.

Jahrzehnte der Unruhe

Damit hat das nach Jahrzehnten der Unruhen notdürftig stabilisierte Land so etwas wie eine Perspektive. Aber es wird dauern, bis die Petrodollars in die einzelnen Départements des Landes durchsickern - nur ein Indikator dafür: Im flächenmäßig zwanzigstgrößten Land der Erde gibt es nur etwas mehr als 200 Kilometer geteerte Straßen.

Der Tschad ist ethnisch wie sprachlich äußerst heterogen. Es gibt an die 200 Ethnien und ebenso viele Idiome. Das Land ist ähnlich wie der Sudan in einen arabisch-islamischen Norden und einen christlich-animistisch-schwarzafrikanischen Süden geteilt. Die Berber im Norden sind Viehzüchter, die Schwarzafrikaner im Süden Bauern - und beide Gruppen können sich kaum selbst ernähren. 80 Prozent der Bevölkerung des Landes leben in absoluter Armut.

Staatliche Strukturen gibt es so gut wie gar nicht, vor allem die Gesundheitsversorgung ist miserabel. Nur ein Drittel der Bevölkerung hat einen notdürftigen Zugang zu medizinischer Behandlung, regelmäßig raffen Cholera-, Masern- und Meningitis-Epidemien tausende dahin. Die ärgste Bedrohung ist allerdings die Malaria. Besonders dagegen gehen die "Ärzte ohne Grenzen" vor.

Seit 1997 sind sie im Tschad vor Ort, neben dem Training von Chirurgen ist ein Anti-Malaria-Programm der Fokus ihrer Arbeit. Zuletzt sind auch die Flüchtlingslager an der Grenze zum Sudan dazugekommen. Dort geht es jeden Tag ums nackte Überleben: Um Essen für unterernährte Kinder und sauberes Trinkwasser - um all das, was der Tschad nicht einmal seinen eigenen Bürgern bieten kann. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2004)

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