Gehrer: "An den Unis gibt es normale Zustände"

19. Februar 2005, 14:56
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Die Bildungsministerin im STANDARD-Interview: Keine Angst vor Klagen wegen der Studiengebühr

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer sieht keine Unikrise, sondern "normale Zustände". Klagen wegen der Studiengebühr erwarte sie gelassen, sagte sie zu Lisa Nimmervoll.

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STANDARD: Die Rektoren fordern ein "Notprogramm" für die Unis. Die Lage scheint also dramatisch zu sein. Kriegen sie die geforderten 100 Millionen?

Gehrer: Die Forderung nach Infrastrukturförderung ist berechtigt. Über die Höhe muss man diskutieren. Ich werde mich einsetzen, dass wir aus zusätzlichen Forschungsmitteln für 2005 und 2006 je 25 Millionen Euro bekommen.

STANDARD: Das Publizistikinstitut an der Uni Wien steht schon jetzt vor dem Kollaps.

Gehrer: Es ist das Institut, wo es jedes Jahr dasselbe Theater gibt und einen Institutsleiter, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Dadurch entsteht in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild. An den Unis gibt es normale Zustände.

STANDARD: Was sagen Sie Studenten, die Studiengebühren zahlen müssen, aber keinen Diplomarbeitsbetreuer finden?

Gehrer: Denen kann ich nur einen Rat geben: sich persönlich an den Studierendenanwalt zu wenden. Der wird mit dem Rektor die Frage lösen. Denn es ist notwendig, dass die jungen Menschen ihr Studium zügig machen können.

STANDARD: Die erste Klage auf Rückerstattung der Studiengebühr wird wohl bald kommen.

Gehrer: Ich sehe dieser Klage sehr gelassen entgegen, denn ein Student kostet den Steuerzahler ein Mehrfaches von dem, was er an Studiengebühren zahlt. Ich bin überzeugt, die Mehrzahl der Studierenden hat gute Verhältnisse. Einzelfälle wird man lösen.

STANDARD: Muss das nicht von der Politik gelöst werden?

Gehrer: Nein. Man kann nicht alles haben und sagen, die Zentrale muss alles machen, aber ich will vollkommen selbstständig sein. Wer autonom ist, trägt Verantwortung.

STANDARD: Hochschulforscher fordern, dass die Frage des Hochschulzugangs endlich offen diskutiert werden muss.

Gehrer: Wenn es Überlegungen gibt, müssen das die Rektoren einmal ausdiskutieren. Ich sehe es derzeit so, dass wir in verschiedenen Bereichen ja schon Aufnahmeverfahren haben. Wer farbenblind ist, kann nicht Kunst studieren. Wer den Ton A von Ton C nicht unterscheiden kann, kann nicht Musik studieren.

STANDARD: Österreich ist das einzige EU-Land, das keine Unizugangsregelung, ob Eingangsphase, Numerus clausus oder Auswahlverfahren, hat.

Gehrer: Numerus clausus halte ich für absolut nicht zielführend. Ich plädiere für eine Studieneingangsphase und mehr Beratung. In Innsbruck gibt es das für Lehramtsstudenten. Sie stehen bereits im ersten Jahr in der Praxis und sehen, ob sie geeignet sind. Dann treffen sie selber eine Entscheidung, ob sie auf ein Diplomstudium umsteigen. Und sie verlieren dabei nichts. Das muss man sich in anderen Studienrichtungen ansehen.

STANDARD: Verbal gibt es zwar ein Bekenntnis zum freien Hochschulzugang, de facto ist Rausfrustrieren das Zugangsregulativ. Kann es das sein?

Gehrer: Das stimmt ja alles überhaupt nicht. Wir haben zunehmende Studierenden- und Absolventenzahlen. Man sollte aufhören, den Unibereich mies zu machen. Unsere Unis sind gut. Die Professoren sind gut. Engpässe müssen beseitigt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2004)

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    Elisabeth Gehrer: "Man sollte aufhören, den Unibereich mies zu machen. Unsere Unis sind gut. Die Professoren sind gut."

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