Welche Farbe hat die Liebe?

22. Oktober 2004, 10:00
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Der US-Soul-Sänger Terry Callier mit neuem Album - und im musikalischen Blinddate

Terry Callier, Jahrgang 1945, stammt aus Chicago. In den frühen 60ern veröffentlichte er Soul mit Folkeinschlag, der politisch gefärbt war. In den 70ern nahm er kleine Meisterwerke wie What Color Is Love? auf, in denen er mit bestimmter Zärtlichkeit kritische Inhalte vermittelte - bis heute ein wesentliches Charakteristikum Calliers. Zu Beginn der 80er-Jahre zog er sich aus dem Musikbusiness zurück und wurde Programmierer an der Chicagoer Universität. Die britische Acid-Jazz-Szene entdeckte den sanften Sänger Anfang der 90er-Jahre wieder und brachte ihn - unterstützt vom Club-Kultur-Säulenheiligen Gilles Peterson - einem neuen, jungen Publikum näher. 1997 erschien TimePeace,sein Comeback-Album: klassischer Soul mit zarter Jazz-Würze. Es folgten Höhepunkte wie Speak Your Peace oder das großartige Live-Dokument Alive. Eben hat er sein Album Lookin' Out veröffentlicht. Wir spielten Callier ein paar Songs vor, die mit seiner Laufbahn zu tun haben, ließen ihn raten und kommentieren.

Kraftwerk: Trans Europa Express
Ich bin nicht sicher . . . Whirlpool Productions? Oh, Kraftwerk! Ich kenne wenig von ihnen. Meine Arbeit als Programmierer hat sich nicht auf meine Musik ausgewirkt. Ich war mit Recherchen und Analysen an der Universität von Chicago beschäftigt. Ich bin also kein Computermusiker. Aber mich interessiert der Blickwinkel elektronischer Musik. Nach meinem Wiedereinstieg ins Musikbusiness habe ich mit vielen Leuten dieser neuen Generation gespielt. Mit Ian Pooley etwa. Oder 4 Hero.

Muddy Waters:
The Blues Had A Baby And They Named It
Rock'n'Roll

Ich sollte wissen, wer das ist: "The blues had a baby and they named it Rock'n'Roll." Das war ein gängiger Satz damals auf der Straße. Hm - das ist sehr hart gespielt. Ist wohl Muddy Waters. Ich habe bei Chess Records mit Waters und Howlin' Wolf gearbeitet. Ich war 17 oder so. Jeder sagte: Nimm dich vor Howlin' Wolf in Acht. Das ist ein großer, böser Typ. Ich verbrachte damals viel Zeit bei Chess. Einmal platzte ich unabsichtlich in eine Session von Wolf. Oh! Oh! Also sprach ich ihn respektvoll mit seinem richtigen Namen an: ,Hey, Mr. Chester Burnett.' Er runzelte die Stirn und fragte: ,Wer bist du? Singst du Blues?' Ich meinte: ,Nein, ich bin erst 17.' Er lachte und sagte: ,Das kommt schon noch.' Wenn er mich später traf, erkundigte er sich immer: ,Hey Terry, hast du schon den Blues?' Er war ein sanfter Riese. Wolf und Muddy Waters beherrschten damals Chicago. Später kamen Little Milton und Little Walter. Die oft zitierte Konkurrenz zwischen Wolf und Waters beschränkte sich darauf, wer das größere Publikum verrückt machen konnte - und wer mehr Frauen im Publikum hatte. Das war die Konkurrenz.

Curtis Mayfield: Billy Jack
Oh, Curtis. Ich bin mit ihm aufgewachsen, habe mit ihm auf der Straße Baseball gespielt. Er war der Erste in der Nachbarschaft, der Gitarre gespielt hat. Der einzige Gitarrist, den wir kannten, war Elvis Presley. Also neckten wir Curtis: ,Hey Elvis, wie geht's?' Das war 1959, '60. Als er dann mit Jerry Butler die Impressions gegründet und mit Precious Love einen Hit hatte, war das eine Initialzündung für mich. Curtis sang von Liebe, aber er betrachtete auch größere Zusammenhänge, Soziales, Politisches. Das verbindet uns. Es gibt mehr auf der Welt als nur Liebe. Ich versuche, das in meiner Musik zum Ausdruck zu bringen. Man kann die Eindringlichkeit mancher Themen ganz zärtlich behandeln und sie dadurch wirksamer verbreiten als im Zorn. Zorn ist als Motiv wichtig. Man muss aber vorsichtig sein, wie man ihn verarbeitet.

Syleena Johnson: Faithful To You
Keine Ahnung, aber es klingt nach der Produktion von Curtis Mayfield vorher. Reduziert, aber sehr präsent. Die Sängerin könnte Lauryn Hill sein. Sie klingt sehr klassisch. Früher war R'n'B der Soundtrack zur Bürgerrechtsbewegung. Heute ist er oft inhaltsleer. Daran ist die Musikindustrie schuld, die sich nur für großes Geld und den Luxus interessiert. Als Musiker mit mehr Anspruch bekommst du kein Airplay in den Staaten. Es gibt solche Künstler, aber man kennt sie kaum, weil sie keinen Zugang zu den Medien haben. Wenn du heute sagst, dass du sozialkritische Musik machst, kommst du nicht weiter als zur Sekretärin des Plattentypen. Traurig, aber war.

Blind Boys Of Alabama:
Run On For A Long Time

Das stammt aus der Ära der alten Gospelsänger. Blind Boys Of Alabama und so. Sehr traditionell. Ich kann mich noch an die ersten Gospelsänger erinnern, die sich hin zu weltlichen Songs wandten. Es war aber nicht so, dass sie plötzlich nur noch über Frauen sangen. Nein, sie sangen über Gott, aber die Musik war sexy. Gospel und Soul waren sehr lange gleichberechtigt. Ich habe die Blind Boys ein paar Mal gesehen und mit ihnen gespielt und immer sehr großen Respekt vor ihnen gehabt. Nicht nur wegen ihrer wunderbaren Stimmen. Ich meine, was kann für einen Schwarzen härter gewesen sein, als im Süden aufzuwachsen? Als blinder Schwarzer dort aufzuwachsen. Gospel war lange die einzige Möglichkeit für Schwarze, sich verhalten sozial und politisch zu äußern.

Elvis Presley: That's Allright (Mama)
Das klingt nach einer dieser frühen Aufnahmen auf Sun Records, könnte sogar Elvis Presley sein. Für viele ist Chuck Berry der wahre König des Rock'n'Roll. Aber in Musikerkreisen wurden Rassenschranken nie so streng genommen. Ich erinnere mich an die Paul Butterfield Blues Band. Die erste populäre, gemischte Bluesband mit schwarzen, weißen und jüdischen Musikern. Ein richtiger Regenbogen. Schwarze Musiker akzeptieren das Talent. Die Hautfarbe ist egal. Aber das Thema ist ja eigentlich Rassismus. Amerika war ja sogar im Rassismus noch rassistisch. Der Ku-Klux-Clan und andere weiße Vereinigungen dieser Art waren viel radikaler als die Black Panthers. Allein der Aufwand, der betrieben wurde, um dem weißen Amerika vorzugaukeln, es stünde am Rande der Versklavung durch Schwarze, war immens. Aber es gab auch Ausnahmen. Als ich als Teenager in den Norden von Chicago gezogen bin, waren wir zuerst eine schwarze Minderheit - mit ziemlichen Problemen. Im Laufe der Zeit kamen mehr Schwarze. Die weißen Familien, die geblieben sind, hatten nie Probleme. Niemand hat ihnen ein brennendes Kreuz in den Vorgarten gestellt, niemand die Scheiben eingeworfen. Umgekehrt war das - wie wir ja wissen - etwas anders. (Karl Fluch, DER STANDARD, RONDO, Printausgabe vom 15.10.2004)

Terry Callier
Lookin' Out
(Universal)

Live:
Am 30. 10. gastiert Terry Callier im Wiener Porgy & Bess

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    foto: plattencover
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